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» Der Mensch und die Welt «

Dank an Mary Lutyens und der Krishnamurti Foundation;
1969 wählte Mary Lutyens einige seiner talks*)  für das Buch 'Freedom from the Known' aus. 
*) Jiddu Krishnamurti sprach immer frei.

    "Der Mensch hat zu allen Zeiten etwas gesucht, das über ihn und sein materielles Wohl hinaus geht - etwas, das wir Wahrheit oder Gott oder Realität nennen, einen zeitlosen Zustand - etwas, das nicht durch Umstände, durch Gedanken oder durch menschliche Verderbtheit beeinträchtigt werden kann. - Der Mensch hat ständig die Frage gestellt : Worum geht es eigentlich? Hat das Leben überhaupt einen Sinn? Er hat die heillose Unordnung des Lebens vor Augen, die Rohheiten, die Revolten, die Kriege, die religiösen, ideologischen und nationalen Spaltungen, die nie aufhören, und mit einem Gefühl tiefer Enttäuschung fragt er, was er tun soll, was denn das ist, was wir Leben nennen, und ob es etwas gibt, das darüber hinaus geht. Und da er dieses Unbeschreibliche, das tausend Namen trägt und das er immer gesucht hat, nicht finden konnte, hat er den Glauben entwickelt - den Glauben an einen Erlöser oder an ein Ideal - und jeder Glaube erzeugt unabänderlich Gewaltsamkeit. 

In diesem ständigen Kampf, den wir Leben nennen, versuchen wir einen Kodex des Verhaltens aufzustellen, der der Gesellschaft entspricht, in der wir aufgewachsen sind, ganz gleich, ob es sich dabei um eine kommunistische oder sogenannte freie Gesellschaft handelt. Wir akzeptieren eine genormte Lebenshaltung als Bestandteil einer Tradition, der wir als Hindus, Moslems oder Christen oder was wir sonst zufällig sein mögen, angehören. Wir schauen nach jemandem aus, der uns sagt, was rechtes oder falsches Betragen, was rechtes oder falsches Denken ist, und indem wir uns nach dieser Norm ausrichten, wird unser Verhalten, unser Denken mechanisch, werden unsere Reaktionen automatisch. Wir können das sehr leicht an uns beobachten. Seit Jahrhunderten sind wir durch unsere Lehrer, durch unsere Autoritäten, durch unsere Bücher und unsere Heiligen gegängelt worden. Wir erwarten, daß sie uns alles offenbaren, was hinter den Hügeln, den Bergen und der Erde liegt. Und wir sind mit ihrer Darstellung zufrieden, das bedeutet, daß wir von Worten leben und unser Leben hohl und leer ist. Wir sind Menschen aus zweiter Hand. Wir haben von dem gezehrt, was man uns gesagt hat, und ließen uns entweder durch unsere Neigungen und Absichten leiten oder durch das, was uns durch die Umstände und die Umwelt aufgezwungen wurde. Wir sind das Resultat aller möglichen Einflüsse. In uns ist nichts Neues, nichts, das wir selbst entdeckt haben, nichts Ursprüngliches, Urtümliches, Leuchtendes. Während der ganzen theologischen Vergangenheit ist uns von religiösen Lehrern versichert worden, daß wir, wenn wir bestimmte Riten verrichten, bestimmte Gebete oder Mantras wiederholen, uns gewissen Normen anpassen, unsere Wünsche unterdrücken, unsere Gedanken kontrollieren, unsere Leidenschaften sublimieren, unsere Triebe eindämmen und uns sexueller Ausschweifungen enthalten, daß wir - wenn Geist und Körper ausreichend gefoltert sind - dann etwas jenseits dieses bedeutungslosen Lebens finden werden. Und das haben Millionen sogenannter religiöser Menschen Jahrhunderte hindurch getan, entweder in der Abgeschiedenheit, indem sie in die Wüste oder in die Berge oder in eine Höhle gingen oder mit der Bettelschale von Dorf zu Dorf wanderten oder sich in einem Kloster als Gruppe zusammenfanden und ihren Geist zwangen, sich einem festgelegten Vorbild anzupassen. Aber ein gequälter Mensch mit einem zerbrochenen Geist, ein Mensch, der diesem ganzen Tumult zu entrinnen trachtet, der der äußeren Welt entsagt hat und durch Disziplin und Anpassung abgestumpft wurde, solch ein Mensch, wie lange er auch suchen mag, wird nur finden, was seinem irregeleiteten Geist entspricht. 

Um nun zu entdecken, ob es tatsächlich etwas jenseits dieses unruhigen, schuldvollen, furchterfüllten, ehrgeizigen Daseins gibt oder nicht, scheint es mir, daß man einen ganz anderen Weg gehen muß. Nach der traditionellen Einstellung geht man von der Peripherie nach innen, um im Laufe der Zeit durch Übung und Verzicht allmählich zu jenem inneren Erblühen, jener inneren Schönheit und Liebe zu kommen - in Wirklichkeit aber tut man alles, um engherzig, unbedeutend und minderwertig zu werden. Man löst Schicht um Schicht ab, man läßt sich Zeit, man erwartet alles vom Morgen, vom nächsten Leben - und wenn man schließlich zum Zentrum gelangt, entdeckt man, daß dort nichts ist, weil unser Geist unfähig, stumpf und unempfindlich gemacht worden ist. Wenn man diesen Prozeß wahrgenommen hat, fragt man sich, ob es nicht einen ganz anderen Weg gibt, ob es nicht möglich ist, vom Zentrum her durchzubrechen. Die Welt akzeptiert den traditionellen Weg und folgt ihm. Die eigentliche Ursache der Unordnung in uns ist das Suchen nach einer Realität, die uns von einem anderen versprochen wurde. Wir folgen mechanisch dem, der uns ein wohltuendes spirituelles Leben zusichert. Es ist höchst seltsam, daß, obgleich wir uns der politischen Tyrannei und Diktatur widersetzen, wir innerlich die Autorität, die Tyrannei eines anderen hinnehmen, die unseren Geist und unser Leben verwirrt. 

Wenn wir nun jede sogenannte spirituelle Autorität mitsamt allen Zeremonien, Riten und Dogmen verwerfen, nicht intellektuell, sondern tatsäch1ich, bedeutet das, daß wir allein stehen und uns damit bereits im Konflikt mit der Gesellschaft befinden. Für die Gesellschaft hören wir auf, geachtete Menschen zu sein. Doch ein von der Gesellschaft geschätzter Mensch kann unmöglich dieser unendlichen, unermeßlichen Realität näherkommen. 

Sie haben nun damit begonnen, etwas absolut Falsches zu verneinen, den traditionellen Weg. Doch wenn diese Ablehnung eine Reaktion ist, werden Sie eine andere Schablone geschaffen haben, in der Sie wie in einer Falle festgehalten werden. Wenn Ihnen Ihr Verstand sagt, daß diese Ablehnung ein guter Gedanke ist, Sie aber nichts daraus machen, kommen Sie nicht weiter. Wenn Sie das Falsche jedoch verneinen, weil Sie den Stumpfsinn, die Unreife der gesellschaftlichen Konvention verstehen, wenn Sie sie aus tiefer Einsicht verwerfen, weil Sie frei sind und sich nicht fürchten, werden Sie eine große Unruhe in sich und um sich hervorrufen; aber Sie werden aus der Falle konventioneller Ehrbarkeit herauskommen. Dann werden Sie entdecken, daß Sie nicht länger suchen. Und das ist das erste, das zu lernen ist: nicht zu suchen. Solange Sie suchen, machen Sie nur einen Schaufensterbummel. 

Die Frage, ob es einen Gott gibt oder die Wahrheit oder die Realitat oder wie Sie es sonst benennen mögen, kann niemals durch Bücher, Priester, Philosophen oder Erlöser beantwortet werden. Niemand und nichts kann diese Frage beantworten als Sie selbst; und darum müssen Sie sich kennen. Wenn man sich selbst nicht kennt, ist man unreif. Sich selbst zu verstehen, ist der Anfang der Weisheit. 

Und was ist dieses Selbst, das individuelle Wesen? Ich glaube, es besteht ein Unterschied zwischen dem Menschen an sich und dem Individuum. Das Individuum ist örtlich gebunden, lebt in einem bestimmten Lande, gehört einer bestimmten -Kultur, Gesellschaft und Religion an. Der Mensch als solcher ist jedoch keine lokal gebundene Einheit. Er ist überall. Die Handlung des Individuums, das nur in einem begrenzten Winkel des weiten Lebensgebietes wirkt, ist ohne jede Beziehung zum Ganzen. Darum müssen wir daran denken, daß wir von dem Ganzen und nicht von einem Teil sprechen, weil sich im Größeren das Geringere findet, aber im Geringeren nicht das Größere. Das Individuum ist das unbedeutende, eingeengte, elende, enttäuschte Wesen, zufrieden mit seinen kleinen Göttern und seiner engen Tradition, während ein wahrer Mensch am Wohlergehen, dem Elend und der Verwirrung der ganzen Menschheit Anteil hat. 

Wir Menschen sind geblieben, wie wir seit Millionen von Jahren waren - im höchsten Maße gierig, neidisch, aggressiv, eifersüchtig, ängstlich und verzweifelt, mit gelegentlichen Ausbrüchen der Freude und der Zuneigung. Wir sind eine seltsame Mischung von Haß, Furcht und Freundlichkeit. Wir sind gewalttätig und auch friedfertig. Der äußere Fortschritt hat uns vom Ochsenkarren bis zum Düsenflugzeug geführt; aber innerlich hat sich das Individuum überhaupt nicht geändert, und dieses Individuum hat die Struktur der Gesellschaft in der ganzen Welt geschaffen. Das äußere soziale Gefüge ist das Ergebnis der inneren psychologischen Struktur unserer menschlichen Beziehungen, denn das Individuum ist das Resultat der gesamten Erfahrungen, des gesamten Wissens und Verhaltens des Menschen. Jeder von uns ist das Lagerhaus der ganzen Vergangenheit. Das Individuum ist das Wesen, das die ganze Menschheit in sich trägt. Die gesamte Geschichte des Menschen ist in uns niedergeschrieben. Beobachten Sie, was sich wirklich in Ihnen und in der Außenwelt abspielt - in dieser Wettbewerbskultur, in der Sie leben, mit ihrem Verlangen nach Macht, Position, Einfluß, Namen, Erfolg und allem Drum und Dran. Betrachten Sie die Leistungen, auf die Sie so stolz sind, den ganzen Bereich, den Sie Leben nennen, in dem alle Beziehungen voller Konflikte sind, die Haß, Widerstreit, Brutalität und endlose Kriege erzeugen. Dieser Bereich, dieses Leben ist alles, was wir kennen, und da wir unfähig sind, den gewaltigen Daseinskampf zu begreifen, fürchten wir uns natürlich davor und spüren die verborgensten Möglichkeiten auf, um zu entrinnen. Wir fürchten uns auch vor dem Unbekannten, fürchten uns vor dem Tode, fürchten uns vor dem, was hinter dem Morgen liegt. Wir fürchten uns vor dem Bekannten und fürchten uns vor dem Unbekannten. Das ist unser tägliches Leben, in dem es keine Hoffnung gibt. Darum ist jede Philosophie, sind theologische Begriffe jeder Art nur eine Flucht vor der eigentlichen Wirklichkeit, vor dem, was ist. 

Alle äußeren Veränderungen, die durch Kriege, Revolutionen, Reformationen, Gesetze und Ideologien veranlaßt wurden, haben es nicht vermocht, die Natur des Menschen und damit die Gesellschaft grundlegend zu verwandeln. Als menschliche Wesen, die in dieser monströs häßlichen Welt leben, müssen wir uns fragen, ob diese Gesellschaft, die auf Wettbewerb, Brutalität und Furcht gegründet ist, zu einem Ende kommen kann - nicht in der begrifflichen Vorstellung, nicht als eine Hoffnung, sondern in Wirklichkeit, so daß der Geist frisch, neu und unschuldig ist und eine ganzlich andere Welt hervorbringen kann. 

Ich glaube, das kann nur geschehen, wenn jeder von uns die wesentlichste Tatsache anerkennt, daß wir als Individuen, als menschliche Wesen, in welchem Teil der Welt wir auch zufällig leben oder welcher Kultur wir auch zufällig angehören mögen, voll und ganz für den Gesamtzustand der Welt verantwortlich sind. Jeder von uns ist für jeden Krieg verantwortlich, denn unser Leben ist voller Aggressivitat; wir haben unseren Nationalismus, wir sind voller Selbstsucht, haben unsere Götter, unsere Vorurteile, unsere Ideale - und das alles trennt uns voneinander. Und nur, wenn wir klar erkennen - nicht intellektuell, sondern so wirklich, wie wir unseren Hunger oder unsere Schmerzen empfinden - daß Sie und ich für das bestehende Chaos verantwortlich sind, für das Elend in der ganzen Welt - denn wir haben durch unser tägliches Leben dazu beigetragen und sind Teil dieser monströsen Gesellschaft mit ihren Kriegen, Einteilungen, ihrer Häßlichkeit, Brutalität und Gier -, nur dann werden wir wirklich handeln. Aber was kann ein Mensch tun, was können Sie und ich tun, um eine völlig andere Welt aufzubauen? Wir stellen uns damit eine sehr ernst zu nehmende Frage. Kann überhaupt etwas getan werden ? Was können wir tun? Wird es uns jemand sagen? 

Man hat es uns gesagt. Die sogenannten spirituellen Führer, von denen man annimmt, daß sie diese Dinge besser verstehen als wir, haben es uns gesagt, indem sie versuchten, uns in eine neue Schablone hineinzubiegen und hineinzupressen, und das hat uns nicht sehr weit gebracht. Weltkluge und gelehrte Männer haben es uns gesagt, und das hat uns auch nicht weitergeführt. Uns wurde gesagt, daß alle Wege zur Wahrheit führen: der eine geht auf seinem Pfad als Hindu, ein anderer folgt seinem Pfad als Christ und wieder ein anderer als Moslem, und sie alle begegnen sich an derselben Tür, und das ist, wenn Sie es richtig betrachten, offensichtlich völlig unsinnig. Zur Wahrheit führt kein Pfad, und darin liegt ihre Schönheit; die Wahrheit ist etwas Lebendiges. Eine tote Sache hat einen Pfad, der zu ihr führt, weil alles Tote statisch ist. Wenn Sie aber erkennen, daß die Wahrheit etwas Lebendiges ist, das in Bewegung ist, das keine bleibende Stätte hat, das in keinem Tempel, keiner Moschee oder Kirche zu finden ist, wohin Sie keine Religion, kein Lehrer, kein Philosoph führen kann - dann werden Sie auch erkennen, daß dieses Lebendige das ist, was Sie in Wirklichkeit selbst sind Ihr Ärger, Ihre Rohheit, Ihre Heftigkeit, Ihre Verzweiflung, die Trübsal und das Leid, darin Sie leben. 

Im Verstehen all dieser Dinge liegt die Wahrheit; doch Sie können nur verstehen, wenn Sie wissen, wie Sie auf diese Dinge, die zu Ihrem Leben gehören, zu schauen haben. Und Sie können nicht von einer Ideologie aus schauen, nicht durch einen Schleier von Worten, nicht mit Hoffnungen und Ängsten.

Sie sehen also ein, daß Sie von niemandem abhängig sein dürfen. Es gibt keinen Führer, keinen Lehrer, keine Autorität. Es gibt nur Sie - Ihre Beziehung zu anderen und zur Welt -, nichts sonst ist da. Wenn Sie das erkennen, mögen Sie in tiefe Verzweiflung geraten, aus der Zynismus und Bitterkeit erwachsen. Doch wenn Sie der Tatsache ins Auge sehen, daß Sie und niemand sonst für die Welt und für sich selbst verantwortlich ist, für alles, was Sie denken, was Sie fühlen, wie Sie handeln, dann verschwindet alle Selbstbemitleidung. Normalerweise gedeihen wir dadurch, daß wir andere tadeln, was eine Form der Selbstbemitleidung ist. 

Können Sie und ich nun ohne äußeren Einfluß, ohne jeden Zwang, ohne Furcht vor Bestrafung - können wir im Kern unseres Wesens eine totale Revolution, eine psychologische Umwandlung hervorbringen? Dann wären wir nicht länger brutal, heftig, wetteifernd, unruhig, furchtsam, gierig, neidisch und was sonst noch zu den Ausdrucksformen unserer Natur gehört, womit wir diese verrottete Gesellschaft aufgebaut haben, in der sich unser tägliches Leben abspielt. 

Es ist wichtig, von Anfang an zu verstehen, daß ich keine Philosophie, kein theologisches Gebäude von Ideen oder Begriffen formuliere. Mir scheinen alle Ideologien äußerst töricht zu sein. Wichtig ist nicht eine Lebensphilosophie, sondern daß wir beobachten, was tatsächlich in unserem täglichen Leben geschieht - innen und außen. Wenn Sie genau beobachten, was vor sich geht und es prüfen, werden Sie sehen, daß alles auf einer verstandesmäßigen Vorstellung beruht. Der Verstand umfaßt aber nicht das Dasein in seinem ganzen Umfang; er ist ein Stück davon, und Bruchstücke, wie klug sie  auch zusammengesetzt sein mögen, wie ehrwürdig und traditionell sie auch sein mögen, sind nur ein geringer Teil des Lebens, während wir uns mit seiner Ganzheit befassen müssen. 

Wenn wir sehen, was in der Welt vor sich geht, beginnen wir zu verstehen, daß es keinen äußeren und inneren Prozeß, sondern nur einen einheitlichen Prozeß gibt, eine alles umfassende Bewegung, wobei die innere Bewegung sich im Äußeren darstellt und die äußere wiederum auf das Innere zurückwirkt. Fähig zu sein, darauf hinzuschauen - das allein scheint mir notwendig zu sein; denn wenn wir wissen, wie zu schauen ist, dann wird alles ganz klar, und zum Hinsehen bedarf es keiner Philosophie, keines Lehrers, niemand braucht Ihnen zu sagen, wie Sie schauen sollen. Sie schauen eben. Wenn Sie nun das ganze Bild vor Augen haben, es wirklich sehen - nicht nur sagen, daß Sie es sehen -, können Sie sich dann mühelos und spontan verwandeln? Das ist das eigentliche Problem. Ist es möglich, eine vollkommene Revolution in der Seele hervorzubringen ? 

Ich möchte wissen, wie Sie auf eine solche Frage reagieren. Sie mögen sagen, »Ich wünsche mich nicht zu verändern«, und die meisten Menschen wollen es auch nicht. Besonders diejenigen sind einer Veränderung abgeneigt, die in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht einigermaßen gesichert leben oder die an dogmatischen Vorstellungen festhalten oder bereit sind, sich und die Dinge so zu nehmen, wie sie sind, vielleicht in einer etwas abgewandelten Form. Mit diesen Leuten befassen wir uns nicht. Oder Sie mögen sich etwas subtiler ausdrücken : »Es tut mir leid, es ist zu schwierig, es ist nichts für mich.«  In diesem Falle haben Sie sich bereits blockiert und haben aufgehört zu forschen, und es wird zwecklos sein, weiterzugehen. Oder Sie mögen sonst noch sagen, »Ich sehe die Notwendigkeit einer fundamentalen inneren Verwandlung ein, wie aber soll ich sie zustande bringen? Zeigen Sie mir bitte den Weg, verhelfen Sie mir dazu.« Wenn Sie so reden, dann hat das, womit Sie sich befassen, nichts mit wirklicher Verwandlung zu tun. Dann sind Sie nicht an einer grundlegenden Revolution interessiert; Sie suchen nur nach einer Methode, einem System, das Ihnen zur Verwandlung helfen soll. 

Wenn ich töricht genug wäre, Ihnen ein System zu geben, und wenn Sie unklug genug wären, sich danach zu richten, würden Sie nur kopieren, nachahmen, sich anpassen, billigen. Wenn Sie das aber tun, haben Sie die Autorität eines anderen in sich aufgerichtet, und daraus entsteht der Konflikt zwischen Ihnen und der Autorität. Sie glauben, dieses oder jenes tun zu müssen, weil man es Ihnen gesagt hat, und doch sind Sie unfähig, es zu tun. Sie haben Ihre besonderen persönlichen Neigungen, Absichten und Nöte, die zu dem System, dem Sie glauben folgen zu müssen, im Gegensatz stehen, und daraus entwickelt sich folglich ein Widerspruch. So werden Sie ein zwiespältiges Leben zwischen der Ideologie des Systems und der Wirklichkeit Ihres täglichen Lebens führen. In dem Versuch, sich mit der Ideologie in Einklang zu bringen, unterdrücken Sie sich, während die eigentliche Wahrheit nicht in der Ideologie steckt, sondern in dem, was Sie tatsächlich sind. Wenn Sie versuchen sich zu erforschen und sich dabei nach einem anderen ausrichten, werden Sie immer ein Mensch bleiben, der aus zweiter Hand lebt. 

Ein Mensch, der sagt, »Ich wünsche mich zu verwandeln; sage mir, wie ich es tun soll.«, scheint sehr aufrichtig zu sein, es sehr ernst zu nehmen, aber er ist es nicht. Er verlangt nach einer Autorität, von der er hofft, daß sie ihm zur inneren Ordnung verhelfe. Aber kann Autorität jemals innere Ordnung erzeugen? Ordnung, die von außen auferlegt wird, muß immer Unordnung schaffen. Sie mögen diese Wahrheit mit dem Verstand begreifen, aber können Sie sie wirklich anwenden, so daß für Ihren Geist keine Autorität mehr in Betracht kommt, nicht die Autorität eines Buches, eines Lehrers, der Ehefrau oder des Ehemannes, der Eltern, eines Freundes oder der Gesellschaft? Da wir immer schablonenhaft nach einer Formel gelebt haben, wird die Formel zur Ideologie und zur Autorität. Aber in dem Augenblick, da Sie wirklich erkennen, daß die Frage »Wie kann ich mich verwandeln?« eine neue Autorität schafft, sind Sie mit der Autorität für immer fertig. 

Lassen Sie es uns noch einmal klar und deutlich sagen: Ich sehe ein, daß ich mich vollkommen, bis in die Wurzel meines Seins verwandeln muß. Ich kann nicht länger von irgendeiner Tradition abhängen, denn die Tradition hat diese ungeheure Trägheit, Unterwerfung und Abhängigkeit geschaffen. Ich kann auf keinen Fall von einem anderen Hilfe erwarten, um mich zu verwandeln - von keinem Lehrer, keinem Gott, keinem Glaubenssatz oder System, keinem äußeren Zwang oder Einfluß. Was geschieht dann ? Vor allen Dingen: Können Sie jede Autorität ablehnen? Wenn Sie es können, bedeutet es, daß Sie sich nicht länger fürchten. Was ereignet sich dann? Wenn Sie etwas Falsches, das Sie seit Generationen mit sich herumgesch1eppt haben, verwerfen, wenn Sie irgendeine Last abwerfen, was geschieht dann? Dann haben Sie mehr Energie, nicht wahr? Dann haben Sie eine größere Leistungsfähigkeit, mehr Schwung, eine größere Intensität und Vitalität. Wenn Sie das nicht empfinden, dann haben Sie sich nicht von der Last befreit, dann haben Sie das tote Gewicht der Autorität nicht abgeworfen. Aber wenn Sie sie abgeschüttelt haben und damit die Energie besitzen, in der es keinerlei Furcht mehr gibt - keine Furcht davor, einen Fehler zu machen, richtig oder falsch zu handeln - ist nicht dann diese Energie selbst die Umwandlung? Wir brauchen ein gewaltiges Ausmaß an Energie, und wir verschwenden sie durch die Furcht. Doch wenn die Energie vorhanden ist, die dadurch entsteht, daß jede Furcht abgeworfen wurde, bringt diese Energie selbst die radikale innere Revolution bervor. Wir haben dazu nichts zu tun. Sie sind sich also selbst überlassen. In diesem Zustand befindet sich tatsächlich der Mensch, dem es ernsthaft um diese Dinge zu tun ist. Und da Sie nicht länger von irgend jemandem oder irgend etwas Hilfe erwarten, sind Sie bereits frei, um zu entdecken. Und wo Freiheit ist, ist Energie, wo Freiheit ist, kann nichts mehr falsch getan werden. Freiheit ist etwas ganz anderes als Revolte. In der Freiheit gibt es kein rechtes oder unrechtes Tun mehr. Sie sind frei, und von diesem Zentrum aus handeln Sie; daher gibt es keine Furcht mehr, und ein Mensch, der keine Furcht hat, ist großer Liebe fähig. Und der wahrhaft Liebende kann tun, was er will. 

Als nächstes werden wir darum uns selbst kennenlernen, nicht durch den Sprecher oder einen Analytiker oder einen Philosophen, denn wenn wir von einem anderen etwas über uns lernen, lernen wir im Grunde etwas über ihn, nicht über uns. Wir sind hier dabei zu lernen, was wir tatsächlich sind. 

Nachdem wir klar erkannt haben, daß wir, um eine totale Revolution in unserem Seelengefüge hervorzubringen, von keiner äußeren Autorität abhängig sein dürfen, stehen wir vor der weit größeren Schwierigkeit, unsere eigene innere Autorität zu verwerfen, die Autorität unserer persönlichen belanglosen Erfahrungen und angesammelten Ansichten, Kenntnisse, Ideen und Ideale. Sie hatten gestern ein Erlebnis, das Sie etwas gelehrt hat, und was Sie da gelernt haben, wird zu einer neuen Autorität. Diese Autorität von gestern wirkt ebenso zerstörerisch wie eine tausendjährige Autorität. Um uns selbst zu verstehen, bedarf es weder der gestrigen noch der tausendjährigen Autorität, weil wir etwas Lebendiges sind, in ständiger Bewegung, fließend, niemals ruhend. Wenn wir mit der toten Autorität von gestern auf uns schauen, wird es uns nicht gelingen, diese lebendige Bewegung und die Schönheit, die darin liegt, zu verstehen. 

Frei zu sein von aller Autorität, von der eigenen und der eines anderen, bedeutet, sich von allem, was gestern war, loszusagen, so daß der Geist immer frisch, immer jung, unschuldig, voller Kraft und Leidenschaft ist. Nur in diesem Zustand kann man lernen und beobachten, und das bedarf einer umfassenden Bewußtheit, eines unmittelbaren Gewahrseins des inneren Lebensprozesses, ohne ihn zu korrigieren, ohne vorzuschreiben, was er sein sollte oder nicht sein sollte. Denn in dem Augenblick, da Sie korrigieren, haben Sie eine andere Autorität, einen Zensor eingesetzt. 

Wir werden uns nun zusammen erforschen - nicht indem einer erläutert, während Sie zuhören und ihm zustimmen oder ihn ablehnen. Wir werden vielmehr gemeinsam eine Reise machen, eine Entdeckungsreise in die verborgensten Winkel unseres Geistes. Für eine solche Reise müssen wir unbeschwert sein. Wir dürfen nicht mit Meinungen, Vorurteilen und gedanklichen Festlegungen belastet sein, diesem alten Hausrat, den wir während der letzten zweitausend Jahre und länger gesammelt haben. Vergessen Sie alles, was Sie über sich wissen. Vergessen Sie alles, was Sie je von sich gedacht haben. Wir werden beginnen, als ob wir nichts wissen. 

Es hat in der letzten Nacht heftig geregnet, und nun beginnt der Himmel sich aufzuklären. Ein neuer frischer Tag ist erwacht. Lassen Sie uns diesem neuen Tag begegnen, als gäbe es nur diesen einen Tag.

Wir wollen gemeinsam zu unserer Reise aufbrechen und alle gestrigen Erinnerungen hinter uns lassen - fangen wir an, uns erstmalig zu verstehen!"


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Angst

aus dem Buch Ideal und Wirklichkeit

 

Sie war um die halbe Welt gereist, um hierher zu kommen, und nun kam sie vor lauter Gehemmtheit und Zurückhaltung nicht aus sich heraus. Nur mit dem größten Zögern gab sie etwas von sich preis, zog sich aber sofort wieder in sich selbst zurück, wenn sie merkte, daß eine Frage in tiefere Schichten drang. Dabei war sie keineswegs schüchtern, sie wehrte sich nur, wenn auch unbewußt, dagegen, die Zustände Ihres Inneren bloßzulegen. Dennoch wollte sie über ihre Probleme reden, hatte sie doch eigens zu diesem Zweck die weite Reise hierher unternommen. Man spürte, wie gern sie sich ausge­sprochen hätte, aber sie stockte bei jedem Satz und suchte mühsam nach dem rechten Ausdruck. Sie war noch nie analysiert worden, hatte aber eine Menge psychologischer Bücher gelesen und zeigte sich durchaus fähig zur Selbstanalyse. Es stellt sich sogar heraus, daß sie sich schon als Kind daran gewöhnt hatte, ihre Gedanken und Gefühle zu analysieren.

Warum, fragte ich, sind Sie so eifrig darauf bedacht, sich zu analysieren?

»Das weiß ich nicht, ich habe es jedenfalls getan, solange ich denken kann.«

Soll Ihnen die Analyse etwa dazu dienen, sich vor sich selbst zu schützen, ich meine, unbeherrschte Gefühlsausbrüche samt der nachfolgenden Reue zu verhindern?

»Das ist sicherlich die Absicht, die hinter meinem dauernden Fragen und Analysieren steckt. Ich habe nämlich keine Lust, mich in die bodenlose Unordnung gesellschaftlicher und persönlicher Art hineinziehen zu lassen, die mich zu Hause umgibt. Ich finde das alles so abscheulich, daß ich mich um jeden Preis davon fernhalten möchte: Die Analyse dient mir als Mittel, fest zu bleiben und mich nicht vom Wirbel des gesellschaftlichen und familiären Durchein­anders erfassen zu lassen. «

Und ist Ihnen das gelungen?

»Das kann ich nicht mit Bestimmtheit behaupten. In einiger Hinsicht hatte ich Erfolg, in anderer ging es mir leider nicht so gut. Jetzt, da wir über das alles sprechen, wird mir erst klar, daß ich mich zu meinem Schutz eines außergewöhnlichen Mittels bediene. Dar­über hatte ich mir bisher noch nie Rechenschaft gegeben. «

Warum sind Sie mit soviel Klugheit um Ihren Schutz besorgt, und wogegen wollen Sie sich schützen? Sie sagen: gegen den Wirrwarr, der um Sie herum herrsche; was ist denn besonderes an dieser Unordnung, daß Sie sich dagegen schützen müßten? Wenn es Unordnung ist und wenn Sie sie deutlich als solche erkennen, dann wüßte ich nicht, aus welchem Grunde Sie davor auf der Hut sein müßten. Man hütet sich doch nur vor Dingen, die man fürchtet oder die man nicht begreift. Wovor fürchten Sie sich also?

»Ich 'glaube nicht, daß ich mich fürchte. Ich möchte mich nur nicht in die Misere hineinziehen lassen, die sich überall breit macht. Mein Beruf sichert mir meinen Lebensunterhalt, aus jeder anderen Verstrickung halte ich mich heraus, und das ist mir wohl auch im großen und ganzen gelungen.«

Wenn Sie keine Angst haben, warum wehren Sie sich dann so entschieden gegen eine Verstrickung? Man wehrt sich doch nur gegen etwas, wenn man nicht weiß, wie man damit fertig wird. Wenn Sie wissen, wie ein Motor arbeitet, dann sind Sie innerlich von ihm frei. Entsteht ein Schaden, so können Sie ihn ja beheben. Wir wehren uns nur gegen das, was wir nicht begreifen. Wir wehren uns gegen Wirrnis, Übel und Elend nur, wenn wir nicht wissen, wie sie zustande kommen und was es mit ihnen auf sich hat. Auch Sie kämpfen gegen die Unordnung an, weil Sie noch keine Einsicht in ihr Gefüge, ihr eigentliches Wesen gewonnen haben. Warum fehlt Ihnen eigentlich diese Einsicht?

»Unter diesem Gesichtspunkt habe ich mir das noch nie überlegt. «

Sie können das Arbeiten der Unordnung, ihren Mechanismus nur kennenlernen, wenn Sie zu ihr in unmittelbarer Beziehung stehen. Zwei Menschen lernen einander ja auch nur verstehen, wenn sie miteinander verkehren. Wenn der eine sich gegen den anderen zur Wehr setzt, kommt kein Verstehen zustande. Ein Verkehr oder eine Beziehung ist aber nur denkbar, wenn keine Angst dazwischen steht.

»Ich begreife jetzt, was Sie sagen wollen.« Wovor haben Sie also Angst?

»Was verstehen Sie unter Angst?«

Angst entsteht nur aus einer Beziehung nach außen, eine gegenstandslose Angst, eine Angst an sich, gibt es nicht. Also kommt auch die sogenannte abstrakte Angst nicht vor, wir fürchten uns immer wieder vor etwas Bekanntem oder Unbekanntem, vor dem, was wir getan haben oder eines Tages tun könnten, vor Vergangenem oder Zukünftigem. Ursache von Angst ist die Spannung zwischen dem, was man ist, und dem, was man sein möchte, Angst entsteht, wenn wir das, was wir sind, als Belohnung oder Strafe auffassen. Angst geht mit der Verantwortung und dem Wunsch, von ihr loszukommen, Hand in Hand. In dem Widerspiel von Lust und Unlust wohnt die Angst genauso wie im Aufeinanderprallen von Gegensätzen. Anbetung des Erfolges erzeugt die Angst vor dem Mißerfolg. Angst stachelt unsere Gedanken, wenn wir uns abmühen, etwas zu werden. Im Gutwerden lauert die Angst vor dem Bösen, im Streben nach der Erfüllung die Angst vor der Einsamkeit, im Großwerden die Angst, doch noch klein zu sein. Vergleichen heißt nicht begreifen, dennoch hoffen wir, unsere Angst vor dem Unbekannten durch Vergleich mit dem Bekannten zu bannen. Angst ist unsere Ungißwißheit im Streben nach Gewißheit.

Das Streben, zu werden, ist der Ursprung aller Angst, der Angst um Sein oder Nichtsein. Der Verstand als Niederschlag der Erfahrung schwebt in ständiger Angst vor den Forderungen des Namenlosen und Unbenennbaren. Der Verstand, dessen Werkzeuge Namen, Worte und Erinnerungen sind, kann nur im Bereich des Bekannten tätig sein, daher muß er die Forderungen des Unbekannten, die ihn vom Augenblick zu Augenblick bedrängen, mit den Hilfsmitteln der bekannten Welt abwehren oder in ihre Sprache übersetzen. Das Abwehren und Übersetzen dieser geheimnisvollen Forderungen aber ist Angst, denn der Verstand hat keine Verbindung mit dem Unbekannten. Das Bekannte kann mit dem Unbekannten nicht in Verkehr treten, das Bekannte muß still sein, damit sich das Unbekannte entfalten kann.

Der Verstand ist der eigentliche Urheber der Angst, und wenn er selbst die Angst analysiert, um sich von ihr zu befreien, dann isoliert er sich dadurch erst recht von der Umwelt und vermehrt so die Angst. Wenn Sie die Selbstanalyse dazu benutzen, die Unordnung abzuwehren, dann stärken Sie dadurch Ihre eigene Widerstandskraft. Aller Widerstand gegen die Unordnung aber steigert nur Ihre Angst davor, die aller Freiheit im Wege steht. Freiheit erwächst nur aus dem In-sich-hinein-nehmen, nicht aber aus Gegnerschaft und Angst.

 


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Lebensangst

aus dem Buch Ideal und Wirklichkeit

 

 

Das Flugzeug schraubte sich ohne fühlbare Bewegung in immer größere Höhen hinauf. Unter uns breitete sich, so weit das Auge reichte, ein Meer von weißen, schimmernden Wolken, die einen solchen Eindruck von Festigkeit erweckten, daß man glaubte, dar­auf Fuß fassen zu können. Als wir in weitem Bogen noch höher gelangten, tat sich in dem blendenden Weiß zuweilen ein Spalt auf, durch den wir tief, tief unten die grüne Erde erspähten. Über uns wölbte sich lieblich und über alle Maßen gewaltig das reine Blau des winterlichen Himmels. Ein wuchtiges Bergmassiv erstreckte sich funkelnd im Sonnenlicht von Norden nach Süden. Diese Berge waren fast fünftausend Meter hoch, aber wir waren schon höher als sie und kletterten immer noch weiter. Ihre Zacken und Gipfel waren uns ein vertrautes Bild, und doch wirkten sie von hier oben überra­schend nah und wie neu geschaffen. Die höchsten Gipfel lagen im Norden, wir aber schossen südwärts davon, als wir die erstrebte Höhe von sechstausend Metern erreicht hatten.

Der Passagier auf dem Nachbarsitz erwies sich als überaus gesprächig. Die Berge waren ihm noch unbekannt, und er hatte eine ganze Weile geschlafen, während das Flugzeug seine Höhe gewann. Jetzt aber war er wieder ganz wach und brannte auf eine ausgiebige Unterhaltung. Es stellte sich heraus, daß er zum ersten Male in einer bestimmten geschäftlichen Angelegenheit unterwegs war. Nach dem, was er sagte, schien er vielseitig interessiert zu sein, jedenfalls zeigte er sich auf allen möglichen Gebieten bestens unterrichtet. jetzt lag dunkel und fern das Meer unter uns, ein paar Schiffe grüßten als winzige leuchtende Punkte zu uns herauf. Die Maschine lag so ruhig in der Luft, daß man nicht einmal das Zittern der Tragflächen spürte; wir flogen die Küste entlang und glitten an den schimmernden Lichtinseln einer Anzahl von Städten und Siedlungen vorüber. Unterdessen ließ sich mein Nachbar darüber aus, wie schwer es ihm falle, seine ständige Angst zu überwinden, er meine jetzt nicht speziell die Angst vor einem Flugzeugunfall, sondernden Druck, den er beim Gedanken an die Gefahren des Lebens im allgemeinen empfinde. Er war verheiratet und hatte Kinder, das insbesondere war für ihn eine Quelle unaufhörlicher Angst-nicht nur vor der Zukunft, sondern vor allem und jedem. Seine Angst war unbestimmt, das heißt, sie hatte keinen eigentlichen Gegenstand und verdarb ihm im wahrsten Sinne des Wortes sein ganzes Dasein, obwohl er sich nicht über Mangel an Erfolgen beklagen konnte. Gewiß, er sei von Hause aus eine etwas ängstliche Natur, meinte er, aber in letzter Zeit weiche die Angst überhaupt nicht mehr von ihm, und seine Träume seien geradezu fürchterlich. Seine Frau wisse wohl um diesen Zustand, mache sich aber keine rechte Vorstellung von dessen Ernst.

Angst gibt es nur in Beziehung auf ein Objekt. Angst ohne Gegenstand ist nur ein Wort, und dieses Wort ist nicht die Angst selbst. Wissen Sie denn wirklich nicht, wovor Sie sich fürchten?

»Ich habe noch nie sagen können, dies oder jenes sei es. Auch meine Träume sind nur ein wüstes Durcheinander, das aber diese ungreifbare Angst wie ein roter Faden durchzieht. Ich habe mit Freunden und Ärzten darüber gesprochen, aber sie haben mich entweder ausgelacht oder mit billigen Ratschlägen abgespeist. Bis jetzt habe ich vergebens versucht, eine greifbare Ursache meiner scheußlichen Zustände ausfindig zu machen -dabei möchte ich sie doch so gerne los sein. «

Wollen Sie sie wirklich los sein oder ist das nur so eine Redensart? »Nein, nein, es ist mir bitter ernst damit. Ich sage Ihnen, ich gäbe viel darum, wenn ich diese Angst loswerden könnte. Obwohl Religion sonst nicht meine starke Seite ist, habe ich sogar schon darum gebetet. Wenn mich meine Arbeit, oder sagen wir ein Spiel ganz in Anspruch nimmt, dann fühle ich mich zuweilen frei davon, aber das Scheusal wartet geduldig in seinem Versteck, und allzu bald ist es wieder mein unzertrennlicher Gefährte.«

Ängstigen Sie sich gerade jetzt in diesem Augenblick? Haben Sie den Eindruck, daß die Angst irgendwo auf Sie lauert? Ist sie bewußt oder unbewußt?

»Ich spüre den Druck immer ganz genau, aber ob die Angst bewußt oder unbewußt ist, das könnte ich nicht sagen.«

Wenn Sie die Angst verspüren, haben Sie dann den Eindruck von Ferne oder von unmittelbarer Nähe, beides nicht räumlich, sondern als Gefühl verstanden?

»Sobald ich auf sie achte, scheint sie mir unerträglich nah zu sein - aber sagen Sie, was sollen diese Fragen bedeuten?«

Angst ist nur in Beziehung zu einem Objekt denkbar. Dieses Objekt kann etwa ihre Familie sein, oder ihre Arbeit, irgend­welche Zukunftssorgen, vielleicht auch der Tod. Fürchten Sie den Tod?

»Nicht besonders, allerdings würde ich ein rasches, plötzliches Ende einem langsamen Sterben vorziehen. Die Familie? Nein, warum sollte ich mich ihretwegen ängstigen? - Und meine Arbeit gibt mir erst recht keinen Anlaß dazu. «

Wenn keine dieser oberflächlichen Beziehungen schuld daran sind, dann muß die Ursache tiefer liegen. Es könnte sogar gelingen, sie Ihnen aufzuzeigen, aber wenn Sie irgend können, suchen Sie sie selbst zu finden, dann wäre nämlich der Eindruck der Entdeckung wesentlich größer. Warum machen Ihnen die Beziehungen der Oberfläche, von denen wir sprachen, keine Angst?

»Meine Frau und ich lieben die Kinder, sie denkt nicht daran, einen anderen Mann anzuschauen, und ich kümmere mich nicht um andere Frauen. Wir ergänzen einander ausgezeichnet. Die Kinder machen uns wohl Sorgen, aber man tut eben für sie, was man kann. Bei dieser wirtschaftlichen Unsicherheit in der ganzen Welt kann man ihnen leider keine gesicherte Existenz schaffen, darum kommt es am Ende auf ihre eigenen Leistungen an. Mein eigener Posten ist ziemlich sicher, bleibt also nur die verständliche und ganz natürliche Angst, daß meiner Frau etwas zustoßen könnte.«

Die Tiefe Ihrer Beziehung zu Ihrer Frau steht also für Sie außer Zweifel. Warum fühlen Sie sich in diesem Punkte so sicher? »Das weiß ich selbst nicht, es ist eben so. Schließlich gibt es gewisse Dinge, die man als gegeben hinnimmt, nicht wahr?«

Damit ist nichts erklärt. Sollen wir der Frage weiter nachgehen? Warum sind Sie Ihrer engen Zugehörigkeit zu Ihrer Frau so sicher? Was meinen Sie damit, wenn Sie sagen, Sie ergänzten einander? »Wir finden in der Gemeinsamkeit unser Glück, wir helfen einander, wir verstehen einander, kurzum, wir brauchen einander. In einem tieferen Sinne hängen wir dadurch wohl auch voneinander ab. Es wäre ein entsetzlicher Schlag, wenn einem von uns etwas zustieße. So gesehen, kann man uns in der Tat als abhängig betrachten.«

Was verstehen Sie unter >abhängig<? Meinen Sie, daß Sie ohne Ihre Frau verloren wären, daß Sie sich ganz und gar verlassen fühlten? Ist es das? Und ihr ginge es wahrscheinlich ebenso, insofern sind Sie wirklich voneinander abhängig.

»Ja, aber ist denn das so schlimm?«

Wir wollen hier nicht urteilen oder verdammen, sondern aus­schließlich fragen. Aber ist es Ihnen auch recht, wenn wir diese Spur weiter verfolgen? Sind Sie wirklich damit einverstanden? Gut, dann wollen wir fortfahren.

Ohne Ihre Frau wären Sie also allein und im tiefsten Sinne des Wortes verloren, darum ist sie Ihr Ein und Alles, nicht wahr? Diese Frau ist Ihr ganzes Glück, darum hängen Sie an ihr. Und diese Abhängigkeit pflegt man Liebe zu nennen. Sie haben Angst, allein zu sein. Ihre Frau ist immer zur Stelle, um die Tatsache Ihrer Einsamkeit vor Ihnen zu verdecken, und Sie erweisen ihr umge­kehrt den gleichen Dienst. Aber die Einsamkeit als solche wird davon nicht berührt, sie bleibt. Ja, so benutzen wir einander, um unsere Einsamkeit vor uns selbst zu verbergen, wir fliehen vor dieser Einsamkeit auf vielen Wegen und durch viele Arten von Beziehungen - und jede solche Beziehung macht uns durch den Dienst, den sie uns leistet, von sich abhängig. Ich höre zum Beispiel Radio, weil mich die Musik meiner selbst enthebt und dadurch glücklich macht, oder ich vergrabe mich in Bücher und Gelehrsam­keit, um mich wie der Vogel Strauß vor mir selbst zu verstecken. Und jedesmal entsteht daraus eine Abhängigkeit.

»Was ist dabei Schlimmes? Warum soll ich nicht vor mir selbst davonlaufen? Ich wüßte nicht, worauf ich stolz sein könnte, darum kehre ich diesem wenig erfreulichen Ich den Rücken und halte mich lieber an meine Frau, die viel besser ist als ich.«

So machen es in irgendeiner Form weitaus die meisten Men­schen. Aber der Haken ist, daß Sie bei dieser Flucht vor sich selbst in Abhängigkeit geraten sind. Mit der zunehmenden Angst vor dem, was ist, wird die Abhängigkeit immer stärker, die Flucht immer wichtiger. Die Frau, das Buch, das Radio werden zu unentbehrli­chen Requisiten eines Daseins, das ganz auf Flucht abgestellt ist. Meine Frau dient mir dazu, mir selbst zu entrinnen, darum hänge ich an ihr. Ich muß sie mir erhalten, ich darf sie nicht verlieren, und sie läßt sich gern von mir halten, weil ich ihr zu dem gleichen Zweck diene wie sie mir. Wir haben beide das Bedürfnis, uns selbst zu entrinnen und helfen uns dabei gegenseitig. Dieses Voneinander-Gebrauchmachen bezeichnet man kühn als Liebe. Sie sind nicht mit dem zufrieden, was Sie sind, darum ergreifen Sie vor sich selbst, also vor dem, was ist, die Flucht.

»Das klingt nicht übel, ich wüßte nicht, was dagegen einzuwen­den wäre. Aber eins haben Sie noch nicht gesagt: Warum läuft man davon? Und vor allem wovor?«

Vor Ihrer eigenen Einsamkeit, Ihrer inneren Leere, kurzum, vor dem, was Sie sind. Wenn Sie davonlaufen, ohne noch recht erkannt zu haben, was ist, dann können Sie selbstverständlich dessen, was ist, auch nicht innewerden. Folglich müssen Sie vor allem einmal in Ihrem Lauf innehalten; Ihre Flucht unterbrechen, weil Sie nur auf diese Art gewahr werden können, wie Sie wirklich sind. Aber Sie können das, was ist, auch dann nicht richtig beobachten, wenn Sie es ständig kritisieren, wenn Sie es lieben oder nicht lieben. Sie nennen Ihren Zustand Einsamkeit und ergreifen die Flucht davor, eben diese Flucht vor dem, was ist, ist aber nichts anderes, als Angst vor dem, was ist. Sie fürchten Ihre Einsamkeit, Ihre Leere und verdecken beides vor Ihren eigenen Blicken, indem Sie sich abhängig machen. So kommt es, daß Ihnen die Angst ständig auf den Fersen bleibt, sie läuft Ihnen nach, solange Sie vor dem, was ist, auf der Flucht sind. Das Einssein, die völlige Gleichsetzung Ihres Ichs mit einer Person oder Idee gibt Ihnen nicht einmal die Gewähr, daß Ihnen Ihre Flucht endgültig gelingt, denn im Hintergrunde lauert ständig die Angst. Sie schleicht sich durch Träume zu Ihnen ein, wenn die Gleichsetzung mit dem Ersatz-Ich vorübergehend nicht funktioniert, und das kommt natürlich andauernd vor, sofern nicht eine echte geistige Störung vorliegt..

»Also kommt meine Angst von meiner eigenen Hohlheit, mei­nem Ungenügen. Ich sehe das vollkommen ein, und es ist sicherlich richtig - aber was kann ich nun dagegen tun?«

Gar nichts. Was Sie auch unternehmen, ist Flucht. Diese Tatsache müssen Sie sich vor allem klarmachen. Dann begreifen Sie auch, daß Sie selbst nichts von Ihrer Hohlheit Verschiedenes oder Getrenntes sind. Sie sind dieses Ungenügen. Der Beobachter selbst ist die beobachtete Leere. Wenn Sie dann weiter fortschreiten, werden Sie Ihren Zustand nicht mehr als Einsamkeit bezeichnen - das Namengeben hat aufgehört. Bleiben Sie auf diesem Wege, was allerdings ziemlich beschwerlich ist, dann ist jenes als Einsamkeit bekannt gewesene Gefühl überhaupt nicht mehr da, es gibt keine Einsamkeit, keine Leere mehr, der Denker als gedachtes Ich hat aufgehört zu sein. So allein nimmt die Angst ein Ende. »Wenn es so ist, wie Sie sagen, was ist dann Liebe?«

Liebe ist nicht Bindung, ist nicht Abhängigkeit von einem geliebten Du. Sie ist auch nicht der Gedanke an das geliebte Wesen. Wenn die Liebe da ist, denken Sie nicht daran, die Gedanken an Liebe kommen nur, wenn sie Ihnen fern ist, wenn ein Abstand zwischen Ihnen und dem Objekt Ihrer Liebe besteht. Solange die Liebenden vereint sind, gibt es keine Gedanken, keine Bilder, kein Aufleben der Erinnerung. Das Denken, die Phantasie beginnt erst zu arbeiten, wenn die Vereinigung in irgendeiner Schicht unseres Wesens eine Unterbrechung erleidet. Das Denken fängt also da an, wo die Liebe aufhört, denn Liebe ist etwas wesentlich anderes als das Denken. Das Denken macht nichts als Qualm: durch Neid, durch Festhalten, Mißverstehen oder Ausgraben vergangener Dinge, durch Sehn­sucht nach dem Morgen, durch Gram und Sorgen, es macht so viel Qualm, daß die Flamme schließlich ersticken muß. Wenn sich der Qualm verzieht, dann brennt die Flamme. Die beiden können nicht nebeneinander bestehen. Die Vorstellung, es könnte doch möglich sein, ist ein Wunsch, ein Ausgedachtes, wie alle Wünsche. Gedachtes aber kann niemals Liebe sein.


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Streben nach Glück

aus dem Buch Ideal und Wirklichkeit

 

Wir schwebten hoch über dem grünen Meer, das Dröhnen der wirbelnden Propeller und der brüllende Lärm der Auspuffgase erschwerten jedes Gespräch. Unter den Passagieren befand sich überdies eine Gruppe von Studenten, die zu einem Sportfest nach der Insel flogen, und einer von diesen jungen Leuten hatte ein Banjo bei sich, auf dem er sich Stunde um Stunde zu seinen Liedern begleitete. Bald hatte er die anderen so weit, daß sie in seinen Gesang, einfielen, und fortan sangen sie alle im Chor. Der Junge mit dem Banjo hatte eine hübsche Stimme, sein Repertoire war ganz ameri­kanisch, es bestand aus sentimentalen Negersongs, Cowboyliedern und Jazz. Sie machten ihre Sache ausgezeichnet, es klang, als hörte man Grammophonmusik. In unseren Tagen nahm sich dieses Völkchen wunderlich aus, insofern es ganz und gar in der Gegen­wart aufging. Keiner der jungen Menschen hatte etwas anderes im Sinn, als das Vergnügen des Augenblicks, das Morgen mit allen seinen Sorgen und Schwierigkeiten: Stellung, Heirat, Alter und Tod, dieses Morgen lag ja noch so fern und kam auf alle Fälle früh genug. Hier oben, hoch über den Wolken, hatten sie nichts anderes im Sinn, als ihre amerikanischen Songs und ihre Illustrierten. Sie hatten kein Auge für die Blitze zwischen den dunklen Wolken, keinen Blick für den edlen Schwung der gegen die See anzüngelnden Küste oder für das ferne Dorf, das hell im Sonnenschein ruhte.

Die Insel war nun fast unter uns, sie grüßte blank und grün, vorn Regen frisch gewaschen zu uns herauf. Wie sauber und aufgeräumt die Landschaft wirkte, wenn man aus großer Höhe auf sie hinabsah! ­Die höchste Erhebung war wie plattgedrückt, und die weißen Wogen schienen in ihrer Bewegung erstarrt. Ein braunes Fischer­boot lenzte unter Segeln vor dem Sturm, es war bald in Sicherheit, denn der Hafen war schon in Sicht. Der Fluß strebte gewundenen Laufs der Küste zu, und die Erde leuchtete golden braun herauf. Aus dieser Höhe sah man zugleich, was zu beiden Seiten des Flusses geschah, Vergangenheit und Zukunft schmolzen ineinander, das Künftige war nicht mehr verborgen, obwohl es um die Ecke lag. In dieser Höhe gab es weder Gewesenes noch Kommendes, in der Ewigkeit des gekrümmten Raums fällt ja die Zeit des Säens mit der Zeit des Erntens zusammen.

Der Mann auf dem Nebensitz begann von den Schwierigkeiten des Daseins zu sprechen. Er beklagte sich heftig über seine Tätigkeit, das ständige Unterwegssein, die Unvernunft seiner Familie und die Ausweglosigkeit der modernen Politik. Im Augenblick war er wieder nach einem fernen Land unterwegs und hatte sich schweren Herzens von seinem Zuhause getrennt. Je länger er sprach, desto ernster wurde er, desto deutlicher offenbarte sich seine Besorgnis über die herrschenden Zustände im allgemeinen und über ihre Folgen für ihn selbst und seine Familie im besonderen.

»Wie gern möchte ich diesem ganzen Trubel den Rücken kehren! Mein höchster Wunsch wäre, irgendein ruhiges Plätzchen in der Welt zu finden, wo man etwas arbeiten und im übrigen glücklich sein könnte. Ich zweifle ernstlich, ob ich je in meinem Leben richtig glücklich war - ich weiß ja kaum, was das bedeutet. Wir leben, zeugen Kinder, arbeiten und sterben wie die Tiere. Was interessiert mich denn noch? Höchstens das Geldverdienen, und auch das hängt mir allmählich zum Hals heraus. Ich verstehe etwas von meinem Geschäft und verdiene darum ganz anständig, dennoch wird mir immer rätselhafter, was dieses ganze Treiben eigentlich soll. Glück­lich sein wäre mein einziger Wunsch, wie kann ich erreichen, daß er sich erfüllt? Wissen Sie mir dazu einen Rat? «

Das ist eine recht verwickelte Angelegenheit, der man nicht so leicht auf den Grund kommt. Außerdem scheint mir das Flugzeug hier nicht der rechte Ort für ein so ernstes Gespräch zu sein.

»Leider habe ich nachher keine Zeit. Wenn wir gelandet sind, geht es für mich sofort weiter. Vielleicht schien Ihnen nicht alles so ernst, was ich sagte, aber glauben Sie mir, ich habe wirklich ernste Seiten, das Leiden ist nur, daß sie anscheinend immer Bruchstücke meines Wesens bleiben sollen. Im Herzen bin ich jedenfalls ein durchaus ernster Mensch. Mein Vater und meine älteren Verwand­ten waren als gediegene, seriöse Männer bekannt, aber die gegen­wärtigen wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben es einem ja nicht mehr, ganz charakterfest und grundsatztreu zu bleiben. Sie zwin­gen mich dazu, andere Wege zu gehen, aber ich möchte nur zu gern wieder zum Alten zurück und alle diese Torheit vergessen dürfen. Vielleicht murre ich nur deshalb über meine Lage, weil ich zu schwach bin, sie wirklich zu meistern, aber wie dem auch sei, ich möchte endlich einmal echtes Glück erfahren. «

Reize sind etwas anderes als Glück, jeder Reiz sucht in immer weiteren Zirkeln nach neuen Reizen. Reize sind eine unerschöpfliche Quelle der Lust, sie können sich noch und noch vermehren, aber jeder befriedigte Reiz hinterläßt uns von neuem unbefriedigt. Was nachbleibt, ist immer das Begehren nach mehr, und dieses Begehren nimmt kein Ende. Reiz und Ungenügen gehören untrennbar zu­sammen, das Begehren nach mehr fesselt sie aneinander. Reiz ist ein Begehren nach mehr oder ein Begehren nach weniger. Im Augen­blick der Befriedigung des Reizes meldet sich das Verlangen nach Wiederholung. Dieses Verlangen ist stets in die Zukunft gerichtet, es ist die ewige Unzufriedenheit mit dem, was war, und die Ursache des Konflikts zwischen dem, was war, und dem, was sein wird. Jeder Reiz bedeutet Unzufriedenheit. Man mag den Reiz in religiöse Gewänder kleiden, er bleibt darum doch, was er ist, eine Ausgeburt des Denkens, eine Quelle von Zwiespalt und Angst. Körperliche Reize schreien stets nach mehr, wird ihre Befriedigung durch­kreuzt, so gibt es Zorn, Eifersucht und Haß. Hassen ist lustvoll, und Neid birgt den Reiz erlittenen Unrechts. Sogar die Feindschaft; die aus der Vereitelung eines Reizbegehrens erwächst, kann zu einer Quelle der Genugtuung werden.

Der Reiz ist immer eine Reaktion und wandert von einem Gegenstand zum anderen. Der Wanderer ist das Denken, denn das Denken ist selbst der Reiz. Das Gedächtnis ist ein Speicher angeneh­mer und unangenehmer Reize, und alles Erfahrene ist Reaktion. Das Denken selbst ist ja Erinnerung und damit selbstverständlich Reaktion. Der Reiz, die Reaktion, kann nie Genüge finden, keine Antwort stellt ihn je zufrieden. Die Antwort ist immer ein Nein, und was nicht ist, das kann niemals werden. Reize kennen kein Genüge. Der Reiz als Reaktion führt immer zum Konflikt, und dieser Konflikt ist selbst ein weiterer Reiz. Verwirrung bringt nur Verwirrung hervor. Die Tätigkeit des Denkens in seinen verschie­denen Schichten fördert immer neue Reize zutage und gefällt sich umgekehrt in ihrer Verleugnung, wenn es dem Ich des Guten zuviel wird. Der Reiz, die Reaktion, ist ein Konflikt der Gegensätze, und in diesem Kampf zwischen Widerstreben und Annehmen, Nachgeben und Ablehnen liegt eine Genugtuung, die stets nach neuer Genugtuung verlangt.

Der Verstand kann das Glück unmöglich finden. Das Glück kann überhaupt nicht gesucht und gefunden werden wie der Reiz. Der Reiz läßt sich wieder und wieder finden, weil er immerzu verloren ­geht, aber das Glück läßt sich nicht finden. Erinnertes Glück ist nur ein Reiz, eine Reaktion für' oder wider die Gegenwart. Was vorüber ist, das ist kein Glück, die Erinnerung an verflossenes Glück ist ein Reiz, denn Erinnerung ist das Gewesene, und das Gewesene ist nur noch Reiz. Das Glück ist aber kein Reiz.

Haben Sie sich schon einmal glücklich gefühlt?

»Gott sei Dank ja, sonst wüßte ich überhaupt nicht, was das heißt. «

Was Sie damals fühlten, war sicherlich nur der Reiz einer Erfahrung, die Sie mit Glück bezeichnen, aber kein echtes Glück. Sie wissen ja nur um die Vergangenheit, nicht um die Gegenwart und die Vergangenheit, das Gewesene ist Reiz, Reaktion, Erinnerung. Sie erinnern sich, daß Sie glücklich waren - kann aber die Vergan­genheit ausdeuten, was Glück ist? Sie kann uns daran erinnern, aber sie kann es nicht lebendig machen. Das Glück wiedererkennen, heißt nicht glücklich sein, zu wissen, was glücklich sein heißt, ist nicht das Glück. Wiedererkennen ist die Reaktion der Erinnerung, wie vermöchte aber das Denken, die Summe aller Erinnerung und Erfahrung, je glücklich zu sein? Das Wiedererkennen als solches verhindert alles Erleben.

Sind Sie etwa glücklich, wenn Sie sich Ihres Glücks bewußt sind? Wissen Sie umgekehrt um Ihr Glück, wenn es wirklich da ist? Wir werden uns eines Zustandes nur bewußt, wenn ein Konflikt besteht, der Konflikt der Erinnerung an das Mehr. Wo Konflikt herrscht, da ist aber kein Glück. Konflikt herrscht immer dort, wo das Denken im Spiel ist. Das Denken, welcher Schicht es auch entstammt, ist immer eine Reaktion der Erinnerung und führt unweigerlich zum Konflikt. Gedanken sind Reize, und Reize sind nicht das Glück. Reize verlangen immer nach Befriedigung, ihr Ziel sind neue Reize, das Glück ist aber niemals ein Ziel, es läßt sich weder suchen noch anstreben.

»Wie kann man den Reizen ein Ende machen?«

Den Reizen ein Ende machen, hieße den Tod suchen. Abtötung ist nur eine andere Form von Reiz. Durch körperliche oder seelische Abtötung wird zwar die Empfindsamkeit abgestumpft, nicht aber der Reiz zerstört. Denken, das sich kasteit, sucht nur nach neuen Reizen, da es ja selber Reiz ist. Der Reiz kann nie dem Reiz ein Ende machen, er kann neue Reize auf anderen Ebenen schaffen, aber die Reize hören nicht auf. Würde allen Reizen ein Ende gemacht, dann wären wir gefühllos und tot, wer nicht mehr sehen, nicht mehr riechen, nicht mehr fühlen kann, der ist tot, das heißt vom Leben abgesondert. Nein, so kommen wir nicht weiter. Unser Problem weist uns in eine ganz andere Richtung. Denken bringt niemals Glück, es kann nur Reize ins Gedächtnis rufen, denn Denken ist Reiz. Es kann das Glück weder pflegen oder hervorbringen noch den Weg zu ihm weisen. Das Denken kann uns nur zu dem führen, was ihm bekannt ist, aber dieses Bekannte ist nicht das Glück, das Bekannte ist der Reiz. Das Denken ist beim besten Willen und bei aller Bemühung nicht in der Lage, selbst Glück zu sein oder das Glück ausfindig zu machen. Das Denken kann nur seines eigenen Wesens, seiner eigenen Regungen gewahr werden. Wenn sich das Denken darum bemüht, seine eigene Tätigkeit zu beenden, dann ­strebt es in Wirklichkeit nur nach um so größerem Erfolg, dann geht es ihm dabei um ein Ergebnis, das ihm besonders lohnend zu sein scheint. Aber der Lohn, den es sich für seine Mühe erwartet, ist immer Wissen und nicht etwa Glück. Das Denken muß also vor allem seine eigenen Schliche und Täuschungsmanöver durchschau­en. Wenn das Denken dann, ohne jedes Verlangen, zu sein oder nicht zu sein, seiner Wesenheit gewahr wird, dann gerät es in einen Zustand der Untätigkeit. Diese Untätigkeit ist alles andere als Tod; sie ist ein passives, wachsames Aufgeschlossensein, bei dem jede, Denktätigkeit ruht. Das ist ein Zustand höchster Empfindsamkeit. Nur wenn das Denken in allen seinen Schichten vollkommen untätig ist, wird der Weg für das Wirkende frei. Alle Tätigkeit des Denkens besteht ja nur aus Reizen, aus Reaktionen auf Anregungen und Einflüsse und ist daher alles andere als ein Wirken. Nur wenn der Geist untätig ist, kann das Unerschöpfliche wirken. Dieses Wirken ist ohne Ursache, von ihm getragen sein, ist Seligkeit.

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Zitate zum Angst

 

Dein Verlangen nach Sicherheit erzeugt Angst, und es ist diese Angst, die sich der Unterdrückung durch Autoritäten beugt. Die Angst sagt dir nicht, wie du denken sollst, sondern was du denken sollst. Nur wenn du frei von Angst bist, kannst du die Wirklichkeit entdecken.

Ojai, 1945-1946, Seite 58

Angst kann nur in Beziehung zu etwas anderem exis­tieren. Sie existiert nicht isoliert für sich. Wie kann ich Angst vor dem Tod haben? Wie kann ich Angst vor etwas haben, das ich nicht kenne? Ich kann nur vor dem Angst haben, was ich kenne. Wenn ich sage, ich habe Angst vor dem Tod, fürchte ich mich dann wirk­lich vor dem Unbekannten, dem Tod, oder habe ich Angst, das zu verlieren, was ich kenne? Ich fürchte mich nicht vor dem Tod, ich fürchte mich davor, meine Verbindung zu dem zu verlieren, was zu mir ge­hört. Meine Angst steht immer in Beziehung zu dem mir Bekannten, aber nicht zu dem mir Unbekannten.

Ceylon, 1949 - 19S0, Seite 38

 

Angst pervertiert die Intelligenz und ist eine der Trieb­kräfte selbstbezogener Handlungen.

Erziehung und die Bedeutung des Lebens, Seite 34

Furchtlosigkeit erzeugt Unabhängigkeit ohne Rück­sichtslosigkeit, ohne Verachtung für den anderen, und das ist der wichtigste Faktor im Leben.

Erziehung und die Bedeutung des Lebens, Seite 46

Angst trübt den Geist und das Herz, sodass wir die Be­deutung des Lebens nicht mehr wahrnehmen können. Wir werden unserem eigenen Leid, dem Flug der Vögel, dem Lachen und dem Elend der anderen gegen­über unempfindlich. Bewusste und unbewusste Ängste haben viele unterschiedliche Ursachen und wir brau­chen Wachsamkeit und eine scharfe Beobachtungs­gabe, um sie alle loszuwerden. Angst kann nicht durch Disziplin, Sublimierung oder irgendeine andere Willensanstrengung beseitigt werden, ihre Ursachen müssen herausgefunden und verstanden werden. Dazu sind Geduld und Bcwusstheit nötig, auf jedwede Form von Beurteilung muss verzichtet werden.

Erziehung und die Bedeutung des Lebens, Seite 57

Dadurch dass wir vor dem davonlaufen, was ist, entsteht Angst.

Europa, 1956, Seite 53

 

Nur ein Geist, der innerlich frei ist, kann das Glück der Wirklichkeit erleben. Der Geist kann aber nur dann frei von Angst sein, wenn er von nichts abhängig ist.

Europa, 19S6, Seite 92

Der Geist hat immer Angst davor, dass es mit ihm einmal vorbei ist.

Kommentare Ober das Leben 2, Seite 22

Du hast Angst vor dem inneren Alleinsein, diesem Gefühl der Leere, das sich möglicherweise einstellen wird, wenn der Geist sich an nichts mehr klammern kann. Folglich klammerst du dich an eine Ideologie oder einen Glauben, wodurch aber verhindert wird, dass du verstehst, was ist.

Kommentare über das Leben 3, Seite 281

Angst ist ein Produkt des Denkens. Angst in jeder Form ist Denken in Beziehung zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ich habe Angst vor dem, was geschehen wird, und ich habe Angst vor etwas, das ich in der Vergangenheil getan habe und nun verheimlichen möchte. Denken und Angst gehören also zur Bewegung der Zeit. Es ist sehr wichtig, dass wir diese Bewegung der Zeit verstehen, die untrennbar mit dem Prozess des Denkens zusammenhängt, wenn wir frei von Angst sein wollen.

USA, 1966, Seite 75

Zitate zum Thema Alleinsein

In Momenten vollkommenen Alleinseins, das sich nur dann einstellen kann, wenn alle Fluchtmöglichkeiten und deren eigentliche Bedeutung wahrhaft erkannt worden sind, tritt das Glück des Augenblicks zutage.

New York City, 193S, Seite 32

Wer beeinflusst werden kann, ist getrennt. Er weiß um die Trennung von Oben und Unten, von Wert und Unwert. Alleinsein im Sinne von Freiheit von Beein­flussung trennt nicht und erschafft keine Gegensätze. Alleinsein ist ein Zustand, über den nicht spekuliert werden kann, sondern der erfahren werden muss.

O/m, 194S - 1946, Seite 108

Sehr wenige von uns sind wirklich allein. Wir wollen nicht allein sein. Es ist äußerst wichtig zu verstehen, dass Alleinsein nicht Isolation bedeutet. Zweifellos gibt es einen Unterschied zwischen Alleinsein und Isolation. Unter Isolation versteht man das Gefühl,

 


 

abgekapselt zu sein, keine Beziehungen zu haben, von allem abgeschnitten zu sein. Im völligen Gegensatz dazu zeichnet sich Alleinsein dadurch aus, dass man außerordentlich offen und verletzlich ist.

Ceylon, 1949 - 19S0, Seite 30

Alleinsein ist nicht gleich Isolation. Es ist auch nicht das Gegenteil von Einsamkeit. Alleinsein ist ein Seins­zustand, in dem keine Erfahrungen und kein Wissen mehr existieren.

Ceylon, 1949-19S0, Seite 42

Nur zu dem, der allein ist, kann das kommen, was ohne Ursache ist. Nur für den, der allein ist, existiert Glückseligkeit.

Kommentare über Jas Leben I, Seite ISS

Es muss vollkommene Freiheit herrschen, was bedeu­tet, dass der Geist fähig sein muss, vollkommen allein dazustehen.

Europa, 1956, Seite 107

Das Alleinsein, von dem ich spreche, ist rein und durch nichts zu verfälschen. Es ist frei von allen Traditionen, allen Dogmen und Meinungen; es ist frei von allem, was andere gesagt haben. Wenn der Geist in diesem Zustand des Alleinseins verweilt, ist


 

er still, wirklich still, und braucht nichts. Ein solcher Geist ist fähig, die Wahrheit zu erkennen.

Europa, 19S6, Seile 107

Den Weg des Lebens und des Todes musst du allein ge­hen. Auf diesem Weg kann es den Trost des Wissens, der Erfahrung und der Erinnerung nicht geben. Der Geist muss von allen Dingen gereinigt werden, die er sich in seinem Sehnen nach Sicherheit angeeignet hat. All seine Götter und lugenden müssen der Gesellschaft zurückgegeben werden, die sie hervorgebracht hat. Es muss vollkommenes, unbeflecktes Alleinsein herrschen.

Kommentare über das Leben 3, Seite 64