Das Leben der göttlichen Anandamayi Ma
 

Ma wurde an einem Donnerstag, dem 30. April 1896 (Sternzeichen: Stier) um etwa 3.30 Uhr in dem kleinen ostbengalischen Dorf Kheora, Distrikt Tripura, im heutigen Bangladesh geboren. Sie erhielt den Namen Nirmala Sundari Devi; Nirmala bedeutet »Reine«, »Makellose«, »Unbefleckte« - Sundari, »die Schöne« - und Devi »Göttin«.

Anandamayi Ma und ihre ElternBeide Eltern (Bild links: Anandamayi Ma mit ihren Eltern) entstammten der Brahmanenkaste. Der Vater, Bipin Behari Bhattacarya, neigte zur Askese und Entsagung und liebte es über alles, Gott durch hingebungsvolles Singen (Kirtana) anzurufen. Er war ein Meister des Gesangs und der Instrumentalmusik und verließ des öfteren für längere Zeit seine Familie, um sich umherziehenden Kirtanagruppen anzuschließen. Ma's Mutter (Didima), Mokshada Sundari Devi, kam aus einer wohlhabenden Familie von Sultanpur, die zahlreiche gelehrte Pandits (brahmanische Gelehrte) hervorgebracht hatte und die stolz darauf war, daß sich vor nicht allzulanger Zeit eine frommme Ahnin singend auf den Scheiterhaufen begeben hatte, um ihrem Gatten in den Tod zu folgen. Mit Didimas Heirat (Mutter) im Alter von zwölf Jahren begann für sie ein Leben, das von großer Armut und schweren Heimsuchungen gekennzeichnet war: von ihren acht Kindern starben die älteste Tochter, drei junge Söhne und später noch zwei Töchter in rascher Folge. Trotzdem behielt Didima ihr Gottvertrauen, gab ihren überlebenden Kindern eine gute Erziehung und schuf eine spirituelle Atmosphäre in der Familie. 1938 trat sie nach fast fünfzigjährigem Familienleben in den Lebensstand der Entsagung (Sannyasa) ein, erhielt den Namen Swami Muktananda Giri und begleitete von diesem Zeitpunkt an bis zu ihrem Ende im Alter von 93 Jahren (1970) ihre berühmte Tochter fast ständig, wobei ihr auch oft die Initiation (Einweihung) von Devotees (Jüngern) übertragen wurde.

Nach ihrer Darstellung hatte sie vor der Geburt Nirmalas in Träumen gesehen, wie Götter und Göttinnen ihre Hütte besuchten, und das hatte ihr Herz mit Glückseligkeit erfüllt. Nirmala war das zweite Kind der Familie. Bei dieser Geburt fühlte Didima kaum Schmerzen. Doch das kleine Mädchen versetzte seine Eltern in Besorgnis, weil es keinen Schrei von sich gab. Als man Ma 1975 einmal danach fragte, warum Sie bei Ihrer Geburt nicht geschrieen habe, meinte Sie lächelnd: "Nun ja, warum sollte ich geschrieen haben?" Und als der fragenden Person plötzlich innerlich klar wurde, daß es in Anandamayi, in der Verkörperung der Glückseligkeit keinen Anlaß zum Weinen geben kann, auch nicht bei der Geburt, lächelte Ma zustimmend. Sie fügte noch hinzu, daß Sie zu jenem Zeitpunkt einen nicht weit entfernten Baum angeschaut habe. Sie erinnerte sich erstaunlicherweise an Begebenheiten, die direkt nach der Geburt stattgefunden hatten, z.B. an den Besuch eines Verwandten am dreizehnten Tag nach Ihrer Geburt, ein Ereignis, dessen sich ihre Mutter erst nach längerem Nachdenken entsinnen konnte.

Anandamayi MaNirmala wuchs zu einem äußerst schönen und liebenswerten Mädchen heran, das der Liebling der benachbarten Hindus und Moslems war. Ihr Eifer zu helfen und Ihr Sinn für Verantwortung waren außergewöhnlich. Sie paßte auf ihre kleineren Brüder auf und half mit großer Freude im Haushalt mit. Ihre Mutter konnte sich nicht daran entsinnen, daß Nirmala jemals um etwas für sich selbst bat. Ein hervorstechendes Merkmal war ein absoluter Gehorsam, der ihre Eltern und Bekannten manchmal fast beunruhigte. Viele Begebenheiten wissen von dieser Eigenschaft zu berichten. Als Mokshada Devi ihre Tochter einmal bat, eine Tasse im Teich abzuwaschen und sah, daß Nirmala sie etwas nachlässig hielt, wollte sie Sie darauf aufmerksam machen und sagte: "Du könntest sie ja genauso gut fallen lassen." Im nächsten Augenblick lag die Tasse zerbrochen auf dem Boden!

Eine Tante nahm Nirmala einmal zum Bazar mit und ließ Sie vor einem Shivatempel auf ihre Rückkehr warten. In der Geschäftigkeitt des Bazars vergaß die Tante Nirmala und blieb lange Zeit fort. Plötzlich erinnerte sie sich jedoch bestürzt an ihre Nichte, eilte zurück und erblickte schließlich Nirmala, die sich keinen Zentimeter vom Fleck gerührt hatte und in die Luft starrte.

Nirmalas Vater gab seiner kleinen Tochter Unterricht im Lesen und brachte Ihr bei, nur bei einem Punkt Pause zu machen. Wenn Nirmala zu einem langen Satz kam, wand sich Ihr ganzer Körper in der Bemühung, in einem Atemzug bis zum Punkt zu kommen. Wenn sie zwischendurch Luft holen mußte, pflegte Sie wieder von neuem zu beginnen. Obwohl dieser extreme Gehorsam Ihre Mutter oft beunruhigte, schalt sie das Kind nicht, da seine guten Absichten so offensichtlich waren.

Von Zeit zu Zeit bemerkte man eine Geistesabwesenheit an ihr - mitten im Spiel, bei der Arbeit oder beim Essen hielt Sie plötzlich inne, verharrte regungslos wie eine Statue und blickte starr in den Raum. Später bemerkte Sie dazu, daß Sie sich des öfteren mit Bäumen, Tieren oder unsichtbaren Wesen unterhalten habe. Einmal wurde Nirmala, kaum drei Jahre alt, zu einer Kirtana-Veranstaltung (Singen religiöser Gedichte) bei einem Nachbarn mitgenommen. Sie schien schläfrig zu sein und konnte nicht sitzen bleiben. Didima wies Sie zurecht und sagte: "Warum schläfst du ein? Hör dem Gesang zu!" Viele Jahre nach dieser Begegnung sagte Ma, daß "Kirtana bereits damals die gleiche Wirkung auf diesen Körper auszuüben pflegte wie heute". Für Ihre Familienangehörigen jedoch war Ihr Trancezustand nicht offensichtlich. Gelegentlich schien Sie auch so entrückt und unbeteiligt zu sein, daß Sie nicht mehr wußte, wo Sie war oder was Sie vor wenigen Minuten gesagt oder getan hatte. Ihre Mutter schalt Sie dann und rief Sie laut beim Namen, doch es dauerte oft längere Zeit, bis man Sie wieder zu normalem Bewußtsein brachte. Manchmal befürchtete man deshalb, Sie sei etwas im Verstand zurückgeblieben, doch liebte ein jeder Ihre sonnige Natur.

Da Nirmalas Vater weltlichem Erfolg eher gleichgültig gegenüberstand, lebte die Familie in äußerst dürftigen finanziellen Verhältnissen und konnte es sich nicht leisten, Nirmala regelmäßig die Schule besuchen zu lassen; so dauerte Ihr Schulbesuch kaum zwei Jahre. Wenn man Sie später bat, ein Buch mit einem Autogramm zu versehen, signierte Sie - obwohl Sie schreiben konnte - mit einem Punkt und bemerkte manchmal dazu: "Darin ist alles enthalten." Während Ihrer kurzen Schulzeit erwarb Nirmala die Anerkennung Ihrer Lehrer keinesfalls absichtlich. Später sagte Sie einmal lachend darüber: "Irgendwie ergab es sich immer so, daß ich unweigerlich zuhause gerade die Fragen nachsah, die der Lehrer dann auch stellte, und folglich fand er mich trotz häufiger Abwesenheit immer gut vorbereitet."

Als Nirmala etwa zehn Jahre alt war, verlor Sie drei jüngere Brüder in rascher Folge, von denen ein jeder sehr an Ihr hing. Als man Sie später fragte, ob Sie nicht darunter gelitten habe, sagte Sie nachdrücklich, ihr Scheiden habe Ihr keine Schmerzen bereitet. Auf die Frage, warum Sie dann überhaupt geweint habe, antwortete Sie, daß Sie den Verlust Ihrer Brüder als Gesetzmäßigkeit hingenommen habe und so für Sie kein Grund zur Klage bestehe. Wenn Sie geweint habe, dann aus einem Pflichtgefühl Ihrer trauernden Mutter gegenüber, die dann natürlich versuchte, das Kind zu trösten und zu beruhigen, obwohl dies in Wirklichkeit überhaupt nicht notwendig war.

Oft wurde Nirmala von Ihrer Mutter in den Altarraum geschickt, um dort kleine Handreichungen zu besorgen, jedoch mit der Anweisung, auf keinen Fall das Symbol der Familiengottheit zu berühren; dies war zu jener Zeit nur bestimmten privilegierten Personen erlaubt. Obwohl Nirmala sonst sehr gehorsam war, handelte Sie in diesem Fall gegen Didimas Anweisung. Häufig geschah es, daß die Gottheit ganz unwillkürlich von Ihr berührt wurde. Ma sagte viel später darüber: "Mutter pflegte mich zu ermahnen, daß die Gottheit nicht berührt werden sollte. Aber seltsamerweise, ich weiß nicht wie, fand die Berührung der Gottheit doch statt. Dieser Körper tut nichts aus eigener Initiative heraus. Besonders in diesem Fall war da ja das Verbot meiner Mutter. Es fiel mir sofort auf - was ist denn das? Gleich danach kam mir die Antwort in den Sinn: Dies war nicht bewußt von mir getan worden. Wenn ich aus dem Altarraum kam, nachdem ich meine Arbeit dort beendet hatte, blieb von der Tatsache, daß ich die Gottheit berührt hatte, keine Erinnerung in meinem Geist. Ich pflegte alles völlig zu vergessen. So kam es gar nicht dazu, daß ich die Begebenheit irgendjemandem erzählte."

Einmal wurde Nirmala mit der Anweisung zum Altarraum geschickt, für Ihr eigenes Wohlergehen zu beten. Obwohl Sie angemessen unterwiesen war, redete Sie die Gottheit nicht so an, wie man es Ihr beigebracht hatte. Sie tat es auf Ihre eigene unbefangene Weise. Und was sagte Sie? "Oh Gott, tue das, was Dir Ananda (Glückseligkeit) gibt!"

1909 wurde Nirmala der damaligen Sitte entsprechend im Alter von zwölf Jahren und zehn Monaten mit dem Brahmanen Ramani Mohan Cakravarti aus dem Dorf Atpara verheiratet. Er war ein Shakta3 und erhielt später von Ihr den Namen Bholanath, einen der Namen Shivas. Als Bholanath Nirmala heiratete, wußte er nicht im geringsten von Ihrem Bewußtseinszustand. Er meinte, er hätte ein gewöhnliches Dorfmädchen geheiratet und war sogar etwas enttäuscht, daß Sie anscheinend noch weniger Bildung als er selbst besaß. Zuerst sandte er Ihr Bücher, um Sie anzuregen, Ihr Lesen zu verbessern, doch bald erkannte er, daß seine Frau keine Neigung zur Gelehrsamkeit besaß. - Ma bemerkte später einmal: "Wenn jemand wirklich Gott will und nichts als Gott, dann tragt er sein Buch in seinem eigenen Herzen. Er braucht kein gedrucktes Buch."

3 Verehrer der Göttlichen Mutter, vor allem in Form von Shivas Gemahlin Kali oder Durga.

Anandamayi Ma und BholanathBild links: Anandamayi Ma und ihr Ehemann Bholanath

Als Bholanath zum ersten Mal einen physischen Annäherungsversuch gewagt haben soll, erhielt er angeblich einen so heftigen elektrisierenden Schock, daß er fürderhin jeden Gedanken an eine körperliche Beziehung aufgab. Die spirituelle Aura, die seine Frau umgab, schloß jeden weltlichen Gedanken aus. Er nahm Sie so an, wie er Sie fand: sanft, zuvorkommend und hart arbeitend, doch ohne die geringste Spur eines weltlichen Gefühls oder Wunsches. Ma sagte: "Zu Anfang pflegte er zu sagen Du bist sehr jung und kindlich - es wird alles in Ordnung kommen, wenn du erwachsen wirst." - "Aber es scheint, daß ich nie erwachsen wurde!" Die Beziehung zwischen Ma und Bholanath spielte sich somit ganz auf der spirituellen Ebene ab und war gleichsam eine Geschwisterehe. Obwohl sich Bholanath anfangs durch diese Heirat in eine peinliche Lage seiner Familie gegenüber versetzt sah, hatte er einen bedingungslosen Glauben an Ma und soll sich schon frühzeitig als Ihr erster Jünger und Diener bezeichnet haben. Dabei war Ma ihm sowohl eine ideale Gefährtin und Hausfrau als auch eine spirituelle Führung. Solange Bholanath lebte, tat Ma nichts ohne sein Einverständnis und seine Erlaubnis. Sie sagte: "Bei meiner Heirat sagte man mir, ich solle Bholanath achten und gehorchen. So erwies ich ihm den Respekt und Gehorsam, der meinem Vater gebührt. Bholanath war von Anfang an wie ein Vater für mich. Er hatte bedingungslosen Glauben an mich und schien davon überzeugt zu sein, daß alles, was ich tun würde, richtig sei."

1938 nach Bholanaths Tod erzahlte Sie Didi (Mutter) einmal: "Es war. niemals auch nur ein Schatten eines weltlichen Gedankens in Bholanaths Geist. Er machte keinen Unterschied zwischen mir und der kleinen Maroni (seiner Großnichte), wenn wir nachts neben ihm lagen: Du wirst dich erinnern, daß du mich oft, wenn du abends fortgingst, neben ihn legtest, wenn dieser Körper in Bhava (religiöser Ekstase) war. Er war nie von sich selbst eingenommen. Sowohl in Bajitpur als auch in Shah-bag beschützte und sorgte er für diesen Körper ganz vertrauensvoll und völlig selbstlos. Ein oder zweimal, als da so etwas wie eine Andeutung von einem weltlichen Gedanken in ihm war, jedoch so ungeformt, daß er nicht die Ebene seines bewußten Denkens erreichte, nahm dieser Körper all die Symptome des Todes an. Er fürchtete sich und machte Japa (Wiederholung von Gottes Namen), da er wußte, daß er nur durch diese Methode den Kontakt mit mir wiederherstellen konnte."

Die ersten vier Jahre nach der Hochzeit lebte Bholanath weiterhin in Atpara, wo er beruflich tätig war, wahrend Nirmala seinem ältesten Bruder und Ihrer Schwägerin in Shripur den Haushalt führte. Sie zeichnete sich durch großes Geschick im Kochen und in der Bewirtung von Gästen, in Nadel- und Flechtarbeiten aus. Während Sie normalerweise Ihre Haushaltspflichten äußerst genau erfüllte, geschah es jedoch auch zeitweilig, daß Zustande geistiger Abwesenheit über Sie zu kommen schienen. Einmal fand Ihre Schwägerin Sie bewußtlos auf dem Boden der Küche liegend, nachdem der Geruch angebrannten Essens die Familie aufmerksam gemacht hatte.

1913 im Alter von siebzehn Jahren zog Nirmala mit Bholanath, nach Ashtagrama, der dort eine Anstellung im Landsiedlungswesen gefunden hatte. Dort äußerte sich auch Ihre Neigung zu Kirtana (das Singen religiöser Gedichte) in auffallender Weise. Nirmalas junge Freunde nannten Sie »Ranga Didi« (schöne Schwester). Eine Frau war so entzückt von Ihrer Wesensart, daß sie Ihr den Namen »Khushir Ma« (glückliche oder fröhliche Mutter) gab: "Wenn Khushir Ma zum Teich kam, wurden die Ghats (Ufertreppen) von Ihrer strahlenden Schönheit erleuchtet." Der Bruder dieser Frau, Harakumar Ray, empfand große Verehrung für Nirmala und unternahm alle möglichen Versuche, Ihr näher zu kommen. Von Außenstehenden wurde er in seiner religiösen Inbrunst für exzentrisch gehalten, doch für ihn gab es keinen Zweifel, daß Nirmala die Göttliche Mutter war.

Gemäß der Tradition Ihrer konservativen Familie und den Vorschriften von Purdah (Absonderung der Frau) verhielt sich Nirmala jedoch völlig gleichgültig ihm gegenüber, selbst wenn er versuchte, Ihr durch kleine Dienste wie Brennholz- und Gemüseholen behilflich zu sein. Er bestand darauf, sich in tiefer Huldigung vor Nirmala zu verneigen, ja er bat sogar um Ihr Prasada (einen kleinen Teil der übriggebliebenen Mahlzeit, von der Nirmala gegessen hatte). Es war seine Überzeugung, daß Nirmalas Prasad nicht gewöhnliche materielle Nahrung war, sondern geweihte Nahrung und somit ein direktes Mittel, um dem Verehrenden Shakti (Kraft) von Nirmala zu übertragen. Nirmala blieb jedoch ablehnend und schweigsam, bis er Bholanath um Vermittlung bat, welcher Sie schließlich dazu überredete, Harakumar etwas von Ihrem Teller zu geben. Einmal sagte Harakumar im Überschwang der Freude sehr zuversichtlich: "Du wirst sehen, ich habe angefangen, Dich Mutter zu nennen. Eines Tages wird die ganze Welt Dich so nennen."

1917 erhielt Bholanath eine Stellung in Bajitpur. Dort wurde die Frau von Bholanaths Freund Janaki Babu, Usha, eine große Verehrerin von Nirmala. Obwohl Ushas Schwiegermutter dies nicht gern sah, da man argwöhnte, Nirmala sei von einem Geist besessen, konnte Usha nicht umhin, Sie heimlich zu besuchen. Auch sie bestand eine Tages darauf, Nirmala Sundari "Ma" zu nennen. Nirmala fiel in Trance. Doch dann hielt Sie inne und sagte: "Weshalb du allein? Es wird ein Tag kommen, an dem unzählige Leute in dieser Welt diesen Körper Ma nennen werden." Ma bezog sich später auf die Jahre in Bajitpur (1917-1923) als die Periode, in der es Ihr Kheyala4 war, die Rolle einer »Sadhika5« zu spielen: "Laßt mich euch sagen, daß ich von Kindheit an gewesen bin, was ich bin. Doch als sich die verschiedenen Stufen von Sadhana durch diesen Körper manifestierten, geschah etwas wie eine Überlagerung von Ajnana (Unwissenheit). Aber was für eine Art von Ajnana war das? Es war in Wirklichkeit Jnana (Wissen), das sich als Ajnana verkleidete." Eines Tages, als Sie in Bajitpur zum Teich ging, um Ihr Bad zu nehmen, und sich Wasser über den Körper schüttete, kam ihr plötzlich das Kheyala: »Wie wäre es, die Rolle einer Sadhika zu spielen?« Und so begann das Lila (Spiel).

Anandamayi Ma

4 Kheyala = plötzliche und unerwartete psychische Manifestation, sei es Wunsch, Wille, Aufmerksamkeit, Erinnerung oder Wissen. Im Hinblick auf Ma: spontan aufkommender Willensimpuls, der göttlich und daher frei ist.

5 Eine geistige Sucherin, die spirituelle Übungen - Sadhana - zum Zweck der Selbstverwirklichung praktiziert.

Nirmala hatte nicht in religiösen Büchern gelesen, wie man Sädhanä übt und ging so vor, wie Sie ihre Mutter, Großmutter und andere fromme Frauen bei der abendlichen Verehrung gesehen hatte. Nach der Arbeit des Tages säuberte Sie sorgfältig Ihr Zimmer, bis kein Staubkorn mehr zu sehen war. Dann zündete Sie Räucherstäbchen an, setzte sich in eine Ecke des Raumes und wiederholte die Namen Gottes. Nach einigen Minuten formten sich Ihre Gliedmaßen von selbst zu bestimmten Asanas (Yogahaltungen). Sie selbst sah dabei nur zu und kannte die Bezeichnungen für diese Haltungen noch nicht. Viele Yoga-Mudras (Körper- oder Fingerhaltungen) und Kriyas6 manifestierten sich in jener Zeit der abendlichen Verehrung durch Ihren Körper. Manchmal blieb Bholanath wach und schaute Ihr gebannt zu, andere Male schlief er, von der Arbeit ermüdet, ein, während Nirmala in Ihre eigene Welt versunken saß.

Sie pflegte den Namen »Hari« (Name Gott Vishnus) nur deshalb zu wiederholen, weil Ihr Vater es Sie so gelehrt hatte. Bholanath fühlte sich als frommer Shakta (Anhänger Shivas) dadurch etwas gestört und fragte Sie eines Tages: "Warum wiederholst Du den Namen von Hari? Wir sind keine Vaishnavas (Verehrer Vishnus), wir sind Shaktas." Nirmala sagte: "Was soll ich dann tun? Soll ich die Namen Shivas wiederholen?" Sehr erleichtert willigte Bholanath ein. Für Nirmala jedoch machte es keinen Unterschied, und auch die Kriyas schienen durch diese Änderung nicht beeinflußt zu werden. Der äußere Anlaß für diese Kriyas war Nama-Japa (Wiederholung des Namens Gottes), obwohl dies nicht notwendig war, um sie hervorzurufen.

Einige Ihrer Äußerungen über diese Zeit mögen hier wiedergegeben werden: "Dieser Körper hat mit Vater, Mutter und Bholanath gelebt. Dieser Körper hat dem Ehemann gedient, so mögt ihr ihn eine Ehefrau nennen. Er hat für alle die Mahlzeiten zubereitet, so mögt ihr ihn eine Köchin nennen. Er hat alle Reinigungsarbeiten und niedrigen Dienste ausgeführt, so mögt ihr ihn eine Dienerin nennen. Aber wenn ihr es von einem anderen Standpunkt aus betrachtet, werdet ihr erkennen, daß dieser Körper niemand anderem als Gott gedient hat. Denn wenn ich meinem Vater, meiner Mutter, meinem Mann und anderen diente, so betrachtete ich sie bloß als verschiedene Erscheinungsformen des Allmächtigen und diente ihnen als solchen. Wenn ich mich hinsetzte, um Essen zuzubereiten, so tat ich es, als sei es ein Ritual, denn das gekochte Essen war schließlich für Gott bestimmt. Was auch immer ich unternahm, ich tat es in der Haltung eines Gottesdienstes. Ich hatte nur einen Wunsch: Gott in allen zu dienen, alles für Gott zu tun.

6 Yoga-Mudras: Bestimmte Körperhaltungen, welche eine besondere göttliche Kraft (Deva Shakti) ausdrücken, ohne die jene Kraft nicht arbeiten kann. Mudras sind notwendig, um bestimmte Veränderungen im Geist oder Charakter zu bewirken. Oft ist auch eine bestimmte Haltung der Hände bzw. Verschränkung der Finger gemeint, die eine bestimmte Bewußtseinsebene ausdrückt. - Kriyas: rituelle Bewegungen, Handlungen zur Reinigung, meditative Vorgänge oder Yogahaltungen.

Anandamayi MaDamals lebte ich als jemand, der ein Schweigegelübde abgelegt hatte. Selbst nachdem ich all meine Arbeit im Haushalt beendet hatte, stand mir noch genug Zeit zur Verfügung. Usha lebte in der Nähe unseres Hauses. Sie pflegte jeden Mittag aus dem Mahabharatam (einem religiösen Epos) vorzulesen. Eines Tages ging ich hin, um zuzuhören. Sie reichte mir das Buch zum Lesen. Ich nahm es in meine Hände, doch konnte ich nicht lesen, denn zu jener Zeit sprudelte ständig Gottes Name aus mir wie aus einer Quelle. Irgendwie verband er sich mit meinem natürlichen Atemrhythmus. Folglich bekam ich bei jedem Versuch, das Buch zu lesen, keine Luft mehr. Um zu lesen, mußte ich jedes Wort durchbuchstabieren. Als ich zu lesen versuchte, stellte ich fest, daß ich nicht zwei Silben gleichzeitig in mich aufnehmen konnte. Angenommen, ich sollte »ami« aussprechen. »a« konnte ich richtig aussprechen, aber wenn das Aussprechen von »mi« an die Reihe kam, stellte ich fest, daß ich das »a« vollkommen vergessen hatte, und die Erinnerung daran war so vollständig erloschen, daß keine Spur mehr davon in meinem Geist war. - In diesem Zustand war kein intelligentes Lesen möglich.

Doch wenn ich mich zum Spinnen hinsetzte, fand ich, daß es kein Hindernis darstellte, Gottes Namen zu wiederholen. Beides konnte gleichzeitig nebeneinander herlaufen. Ich habe recht viel Garn gesponnen. Als ich in Bajitpur war, fertigte ich selbst ein Handtuch und mit Hilfe eines Webers ein paar Dhotis (Lendentücher) mit meinem handgesponnenen Garn an."

An dieser Stelle bemerkte eine Frau: "Mutter, ich habe Dich einmal singen und weinen gesehen."

Ma: "Dieser Körper hat kein gleichbleibendes Verhalten. Svabhava (die Natur) nimmt ihren ungehinderten Lauf. Das Singen und Weinen, von dem du sprichst, sind auf einer bestimmten Stufe des Sadhana (der spirituellen Praxis) möglich. Angenommen, ich setzte mich hin, um zu singen. Dabei hatte ich das Gefühl, daß es durch Gottes Gnade geschah, daß ich Seinen Namen aussprach. Als ich fortfuhr, den Namen zu wiederholen, nahm ein anderer Gedanke von mir Besitz, und ich dachte: ,Ach! Ich bete so inbrünstig und lange, und doch offenbart Gott sich mir nicht!' Dieses Gefühl der Enttäuschung tat meinem Herzen sehr weh, und sofort liefen Tränen die Wangen herab.

Natürlich sind dies Stadien der Unwissenheit, denn wenn Erkenntnis aufgeht, enden Gebete und Sadhana. Als sich die verschiedenen Stufen des Sadhana durch diesen Körper manifestierten, was für eine Vielfalt von Erfahrungen hatte ich da! Manchmal pflegte ich deutlich zu hören: »Wiederhole dies Mantra.« Wenn ich das Mantra erhielt, kam die Frage in mir auf. ,Wessen Mantra ist das?' Sofort kam die Antwort: ,Es ist das Mantra von Ganesh oder Vishnu' oder ähnliches. Wieder kam die Frage von mir: ,Wie sieht Er aus?' Im Nu wurde die Gestalt offenbart. Auf jede Frage folgte eine unverzügliche Antwort, und alle Zweifel und Befürchtungen wurden sofort aufgehoben.

Eines Tages erhielt ich deutlich den Befehl: ,Ab heute sollst du dich vor niemandem verneigen.' Ich fragte die unsichtbare Stimme: ,Wer bist du?' Als Antwort kam: ,Deine Shakti (Kraft).' lch glaubte, daß in mir eine bestimmte Shakti wohnte und mich führte, indem sie von Zeit zu Zeit Anordnungen erteilte. Da sich all dies in der Phase des Sadhana (während der spirituellen Praxis) ereignete, wurde Jfnana (Wissen) gleichsam Stück für Stück offenbart. Das vollständige Wissen, das dieser Körper schon von Anfang an besaß, war sozusagen in Teile zerbrochen, und da war etwas wie eine Überlagerung von Unwissenheit.

Zu jener Zeit war ich mauni (Schweigen bewahrend). Damals besuchte mich der Vater dieses Körpers. Ich konnte mich nicht vor ihm verbeugen. Nicht, daß ich es absichtlich unterließ, aber dieser Körper weigerte sich irgendetwas zu tun, was im Gegensatz zu den Anweisungen stand, die er von Zeit zu Zeit erhielt. Als der Vater dieses Körpers (ihr Vater) sah, daß ich meine Pflicht ihm gegenüber nicht erfüllte, nahm er es sich zu Herzen. Doch da ich damals mauni war, konnte ich ihm die Situation nicht erklären. Er begann, mich mißtrauisch zu betrachten.

Er argumentierte, es bestehe kein Grund, mich respektlos denen gegenüber zu verhalten, denen Respekt gebührt, wenn meine verschiedenen Stimmungen und Erfahrungen spirituellen Ursprungs wären. Unterdessen nahte Shivaratri (günstige Nacht zur Verehrung des Gottes Shiva). Bei solchen Anlässen pflegte der Vater dieses Körpers die ganze Nacht aufzubleiben und Gott Shiva zu verehren. Entsprechend den vier Vierteln der Nacht pflegte er viermal Puja (zeremonielle Verehrung) zu machen. Jede Puja war für das Wohlergehen eines bestimmten Individuums bestimmt. Auch diesmal machte er die Puja wie sonst, und ich wachte mit ihm, um die Vorbereitungen dafür zu treffen.

Als er sich nach Beendigung der drei Pujas der ersten drei Viertel der Nacht anschickte, die Puja für den vierten Teil zugunsten dieses Körpers zu vollziehen, geschah etwas Merkwürdiges. Als er die Puja machte, merkte er, daß dieser Körper laut und automatisch alle wichtigen Mantren und Gebete aussprach. Das überraschte ihn sehr. Obwohl er nichts sagte, konnte er nicht umhin, mich von Zeit zu Zeit anzublicken. Um jedoch mit der Beschreibung meines Sadhana fortzufahren: Nach einiger Zeit hörte ich wieder die Stimme in mir, die mir sagte: ,Wem willst Du huldigen? Du bist alles.' Gleichzeitig erkannte ich, daß das ganze Universum meine eigene Manifestation war. Das teilweise Wissen wurde daraufhin von vollständigem Wissen abgelöst, und ich fand mich Angesicht zu Angesicht vor dem EINEN, das als Vielfalt erscheint. Da verstand ich, warum mir so lange untersagt worden war, mich vor irgendjemandem zu verneigen."

A.K. Datta Gupta: "Wie lang war die Zeitspanne, die zwischen diesen beiden Stufen lag?"

Ma: "Recht lang. In der Zwischenzeit jedoch wurden verschiedene Vibhutis (psychische Kräfte) durch diesen Körper manifestiert. Diese Manifestationen geschahen wiederum auf verschiedene Weise: Manchmal wurden sie in Unwissenheit wirksam, d.h. ich stellte fest, daß - sobald ich einen bestimmten Kranken berührte - er im Nu wieder gesund wurde. Doch wußte ich vorher nicht, daß er auf solche Weise geheilt werden würde. Manchmal ereignete sich die Manifestation in Wissen vermischt mit Unwissenheit, d.h. wenn ich einen Kranken sah, überlegte ich folgendermaßen: Ich weiß aus meiner früheren Erfahrung, daß meine Berührung eine heilende Wirkung hat. Wenn ich diesen Kranken berühre, dürfte er auch genesen. Um es nachzuprüfen, berührte ich ihn und entdeckte, daß er sofort geheilt war. Dann wiederum ereigneten sich Manifestationen von Vibhutis in meinem vollen Wissen und Bewußtsein. So wußte ich sicher, daß ich eine Krankheit durch bloße Berührung heilen konnte, und ich berührte mit vollem Vertrauen auf Erfolg."

Anandamayi MaOft geschah es wahrend Kirtana, daß Nirmalas Körper plötzlich steif wurde und Sie das Bewußtsein der äußeren Welt verlor. Zeitweilig kamen Ihr spontan Mantren (religiöse Verse) über die Lippen oder Ihre Gliedmaßen führten verschiedene Yogastellungen aus. Es wird berichtet, daß Sie in schneller Folge jede Art von Sadhana praktiziert hat, die in den Hinduschriften wie auch in anderen Religionen beschrieben wird. Nirmala schien immer mehr in sich zurückgezogen, und Ihr Gesicht hatte einen abwesenden Ausdruck. Nachbarn und Freunde begannen, Sie zu meiden. Die Nachbarn, die zufällig einige Ihrer Kriyas (Körperübungen) durch den Zaun gesehen hatten, meinten, Sie sei von bösen Geistern besessen.

Auch Bholanath war zuerst von den immer auffälliger werdenden religiösen Ekstasen seiner jungen Frau beunruhigt und fragte verschiedene Exorzisten und Ärzte um Rat. Ein bekannter Exorzist begann sich bei dem Versuch, Ihren »Geist« auszutreiben, plötzlich auf dem Boden zu walzen und stöhnte, als habe er große Schmerzen. Vergeblich bemühte sich Bholanath, ihn zu sich zu bringen. Schließlich ersuchte er Nirmala um Hilfe. Sofort kam der Mann wieder zu sich, warf sich vor Nirmala nieder und sagte: "Sie ist die Devi (Göttin).

Es war töricht von mir, die Kühnheit zu besitzen, meine Kräfte an ihr zu erproben." Schließlich wurde Bholanath von dem hervorragenden Arzt Dr. Mahendra C.Nandi versichert, daß das, was man für Ohnmachtsanfälle oder Epilepsie hielt, in Wirklichkeit kennzeichnend für eine rauschhafte Gotteserfahrung sei. Erschüttert habe der Arzt bekannt, es gehe hier nicht darum, eine Besessene von Plagegeistern zu erlösen, sondern eine von der Unwissenheit befreite Seele (Jivan-Mukta) zu verehren.

Während einer Zeit von mehr als fünf Monaten manifestierten sich die Gestalten vieler Götter und Göttinnen durch Nirmalas Körper. Sie sah sie in Visionen und verehrte sie; dann verschwanden sie wieder ganz. Wenn die Verehrung einer Gottheit vollzogen war, erschien eine andere. Während der Verehrung fühlte Sie oft, daß Sie sowohl der Verehrende als auch die verehrte Gottheit und die Handlung der Verehrung war; Sie war gleichzeitig die Mantren und die Opfergaben. Bei diesen Verehrungen existierten keine Absichten, noch bestand von Nirmalas Seite her irgendein Wunsch, die Zeremonien auszuführen.

Sobald Sie an einem einsamen Ort saß, manifestierte sich alles, was physisch und geistig ein Bestandteil zeremonieller Verehrung ist, in geheimnisvoller Weise ganz von selbst. Später wurde von Personen, die wohlbewandert in den shastrischen Ritualen waren, festgestellt, daß die Art und Weise, in der Sie die Zeremonien vollzog, völlig in Übereinstimmung mit den Regeln der Shastras (altindische Textsammlung) waren. Wenn jemand fragte, wie es für Sie möglich sei, diese Riten so vollkommen auszuführen, war Ihre einzige Antwort: "Fragt mich jetzt nicht, ihr werdet es zur rechten Zeit erfahren."

1922, zur Zeit von Jhulan (Schaukelfest) gab sich Nirmala selbst Initiation (Einweihung). Am Abend von Rakhi Purnima (Vollmond im August) hatte Sie Ihrer Familie wie gewöhnlich das Essen zubereitet. Ihre eigene Mahlzeit pflegte Sie beiseite zu stellen und erst spät nachts zu essen, wenn Sie von Ihrem Sadhana aufstand. Monatelang nahm Sie nur diese Mahlzeit zu sich, häufig aß sie auch gar nichts. Nachdem sich ihre Familie zur Ruhe begeben hatte, saß Sie in Ihrem Raum, um die tägliche Anbetung zu vollziehen. Nach einiger Zeit sah Sie, wie Ihr Finger ein mystisches Diagramm (Yantra) auf den Boden zeichnete. Sie selbst wurde ein Guru, ein Bija-Mantra (Name Gottes in Form einer Lautsilbe) manifestierte sich gleichsam aus ihrem Inneren. Dieses Mantra schrieb Sie mit dem Finger in das gezeichnete Diagramm. Sie war auch der Shishya (Schüler) und so begann Sie mit der Wiederholung des Mantras. Guru, Mantra und Ishta (erwählte Gottheit) waren eins.

In den folgenden Monaten strömten häufig Mantren und Hymnen in Sanskrit von Ihren Lippen. Sie selbst hatte vorher weder Sanskrit noch derartige Kompositionen gekannt. Die normalen Funktionen Ihres Körpers waren stundenlang, ja tagelang aufgehoben. Ihre Tage waren nicht mehr in Morgende, Abende und Nächte aufgeteilt - es war eine einzige anhaltende Zeit unbeschreiblicher Glückseligkeit. In Ihrem Mund fühlte Sie den Geschmack einer honigähnlichen Substanz, die von innen kam und manchmal so anschwoll, daß Sie sie hinunterschlucken mußte. "Fünf Monate nach dem Spiel der Initiation", sagte Ma, "gab es für mich kaum Zeit zu essen. Mein Körper war wie ein Automat.

Ich durchlief die Bewegungen der täglichen Haushaltsroutine wie eine Maschine. Ich zündete ein Feuer an, ohne zu überlegen wofür. Dann vollzog ich wie ein Zuschauer die Handlungen des Kochens und Servierens." Sie hatte auch kein Gefühl für körperlichen Schmerz mehr. Wenn Ihr Körper manchmal eine komplizierte Yogastellung einnahm, verwickelten sich Ihre langen Haare und wurden mit den Wurzeln herausgerissen. In dieser Zeit konnte Sie sich nicht um den Haushalt kümmern, so daß ein junges Dienstmädchen als Hilfe angestellt wurde.

Fünf Monate nach Ihrer eigenen Einweihung gab Sie auch Bholanath Initiation. Vor Ende 1922 begann Sie ein dreijähriges Schweigen, welches Sie beibehielt, als Sie 1924 mit Bholanath nach Dakka zog. Dieses Schweigen schloß jegliche Gebärden aus und wurde nur manchmal unterbrochen, indem Sie mit dem Zeigefinger der rechten Hand einen imaginären Kreis (Kundali) um sich herum zog, einige Mantren sprach und dann leise etwas sagte, während Sie in dem Kreis saß. Dann wischte Sie ihn aus und wurde wieder schweigsam.

Bholanath hatte seine Anstellung in Bajitpur verloren und übernahm in Dakka die Aufsicht in Shah-bag, einem großen Garten, der dem mohammedanischen Provinzgouverneur gehörte. In diesem, Garten lebten Ma und Bholanath sechs Jahre in einem kleinen Haus.

In Dakka wurden Ma's Ekstasen häufiger und länger. Wenn Sie Essen servierte, hielt Ihre Hand manchmal auf halbem Weg inne; wenn Sie Geschirr am Teich reinigte, kam es vor, daß Sie ins Wasser fiel und dort lange Zeit halbversunken liegenblieb; oder Sie verbrannte sich am Küchenfeuer. Da Bholanath täglich lang fortblieb, bat er seine verwitwete Schwester Matori, nach Shah-bag zu ziehen und auf Ma acht zu geben.

Sechs Monate nach Ihrer Ankunft in Dakka beendete Ma ihr Schweigen. Sofort danach begann Sie häufig und für längere Zeit auf eine regelmäßige Nahrungsaufnahme zu verzichten. Fünf Monate lang aß Sie täglich nur eine Handvoll Reis gegen Ende der Nacht. Acht bis neun Monate lang nahm Sie nur drei Mundvoll Reis am Tag und die gleiche Menge in der Nacht zu sich. Fünf bis sechs Monate lang bestand Ihre tägliche Nahrung darin, daß Sie zweimal etwas Obst und Wasser bekam.

Vier bis fünf Monate: je einmal am Tag und einmal in der Nacht eine Fingerspitze voll Essen. Fünf bis sechs Monate: morgens und abends je drei Reiskörner und im Laufe des Tages zwei bis drei Früchte. Einmal fastete Sie auch völlig für sechzehn Tage und einmal für 23 Tage, indem Sie weder Getränke noch Nahrung zu sich nahm. Am 24. Tag bat Sie um einen Schluck Wasser und sagte: "Ich wollte sehen, wie es ohne Trinken geht, doch die bloße Notwendigkeit für Wasser erlischt. Das geht nicht. Der Konvention halber muß ein Schein normalen Verhaltens gewahrt bleiben."

Dazwischen lagen Zeiten, in denen Sie normal aß. Ma selbst sagte dazu: "Einmal lebte dieser Körper vier bis fünf Monate lang von drei Reiskörnern täglich. Niemand kann so lange von so einer spärlichen Kost leben. Es sieht wie ein Wunder aus. Aber bei diesem Körper war es so. Es war so, weil es so sein kann. Der Grund dafür ist, daß nicht alles, was wir essen, notwendig ist für uns. Der Körper nimmt nur die Essenz der Nahrung auf, der Rest wird ausgeschieden. Als Ergebnis von Sadhana wird der Körper so umgewandelt, daß er, auch wenn physisch keine Nahrung aufgenommen wird, aus der Umgebung all das aufnehmen kann, was für seine Erhaltung notwendig ist.

Auf dreierlei Art und Weisen kann der Körper ohne Nahrung erhalten werden: Auf eine Art wurde eben hingewiesen, nämlich daß der Körper die für seine Erhaltung notwendige Nahrung aus der Umgebung aufnehmen kann. Zweitens kann man von Luft allein leben. Denn ich habe gerade gesagt, daß in jedem Element alle anderen Elemente enthalten sind, so daß die Eigenschaften anderer Elemente in gewissem Maße in der Luft vorhanden sind. Daher erhalten wir schon dadurch, daß wir nur Luft aufnehmen die Essenz anderer Elemente. Dann wiederum ist es möglich, daß der Körper überhaupt nichts zu sich nimmt und doch ungeschwächt bleibt wie im Zustand von Samadhi (atemloser Zustand). Folglich kann man feststellen, daß es als Ergebnis von Sadhana durchaus möglich ist, ohne das zu leben, was wir Nahrung nennen."

Bhaiji, Ananadamayi Ma und BholanathZuweilen geschah es aber auch, daß Sie außergewöhnlich große Mengen Nahrung zu sich nahm. Bhaiji (Bhaiji = ihr hingebungsvollster Jünger, auf dem Bild links neben Anandamayi Ma und Bholanath) war anfangs beunruhigt, daß Ma so wenig aß. Heimlich sandte er Mehl und Ghi (Butterschmalz) nach Shah-bag und bat Matori Pishima (Bholanath's verwitwete Schwester), täglich davon einige Puris zuzubereiten. Da Ma das Lagern von Lebensmitteln auf Vorrat nicht guthieß, sollten diese Vorkehrungen verschwiegen werden. Einige Tage schien Ma nichts zu bemerken, doch nach ein paar Tagen ließ Sie Bhaiji holen und bat Matori Pishima, von allem Mehl Puriis zuzubereiten.

Nachdem etwa 70 Puris fertig waren, aß Sie alle auf und sagte lächelnd zu Bhaiji: "Wenn mehr davon dagewesen waren, hätte ich sie alle aufgegessen. Wenn ich einmal zu essen anfange, kann keiner für mich sorgen, wie reich er auch sein mag. Deshalb rate ich euch, nicht solche Vorkehrungen für mich zu treffen." Ein anderes Mal aß Sie das Essen für acht bis neun Personen und einmal Reispudding, der aus 20 Litern Milch hergestellt war, und als alles aufgegessen war, rief Sie: "Ich möchte mehr essen, bitte gebt mir mehr Pudding!"

Dem Volksglauben entsprechend sprenkelte man einige Tropfen der Süßspeise auf den Sari (Wickelgewand), der Ihr Haupt bedeckte, damit der »böse Blick« der Leute, die Zeugen der Begebenheit waren, Ma keine Krankheit verursache. Nachher stellte man fest, daß die Stellen, auf welche die Tropfen gefallen waren, wie von Feuer versengt aussahen. Nach dem Essen solcher ungewöhnlichen Mengen sagte Sie: "Zur Zeit des Essens wußte ich nicht, daß ich soviel Nahrung schluckte. Durch euch erfuhr ich erst davon. Zu der Zeit wäre alles, was auch immer ihr mir angeboten hättet, ob gut oder schlecht, selbst Gras und Blätter, aufgegessen worden." Trotzdem bemerkte man nach solchen Begebenheiten keine körperlichen Störungen an Ihr.

Gegen Ende 1924 verlor Sie die Fähigkeit, sich selbst zu essen zu geben. Ihre Hand hielt häufig auf halbem Weg inne oder die Nahrung glitt Ihr einfach durch die Finger, wenn Sie versuchte, sie zum Mund zu führen. Um zu verhindern, daß Sie Ihren Körper verließ, wurde Sie seitdem gefüttert. Sie hatte nie selbst etwas genommen oder jemanden darum gebeten. Die Personen, die Ma fütterten, mußten ein reines Leben der Selbstkontrolle führen; die Koch- und Eßutensilien mußten peinlich sauber und rein gehalten werden. Sonst konnte Sie das Essen nicht schlucken, Ihr Gesicht wandte sich ab, oder Sie verließ automatisch Ihren Sitz. Sie sagte: "Es gibt keinen Unterschied zwischen diesem Körper und einem Erdklumpen. Ich kann Essen zu mir nehmen, das auf dem Boden oder auch woanders stand, wie es euch beliebt. Doch sind Rücksicht auf Hygiene, die Beachtung von Sauberkeit und andere Regeln und gesellschaftliche Pflichten notwendig für eure Erziehung, und so befolgt mein Körper automatisch jene Regeln."

Nachdem Sie es ganz aufgegeben hatte, Reis zu essen, konnte Sie ihn nicht einmal mehr erkennen. Einmal sah Sie ein Dienstmadchen in Shah-bag Reis essen und meinte lächelnd: "Was ißt sie denn da? Wie schön sie es kaut und schluckt! Ich werde auch mit Ihr essen!" Ein andermal sah Sie, wie ein Hund Reis aß und fing kläglich an zu bitten: "Ich will essen, ich will essen." Wenn solche Impulse nicht erfüllt wurden, legte Sie sich wie ein quengelndes kleines Mädchen auf den Boden. Einmal bemerkte Sie: "Der Mensch versucht alte Gewohnheiten aufzugeben. Aber bei mir ist es völlig anders. Ich erfinde Mittel und Wege, damit sich meine alten Gewohnheiten wieder einstellen. Ihr müßt mich mit drei Reiskörnern täglich füttern, sonst verliere ich die Angewohnheit, Reis zu essen, ebenso wie ich es vergessen habe, wie ich meine Hände zum Essen benutzen soll." 

Als man Sie vier bis fünf Jahre später bat, sich wieder einmal selbst zu essen zu geben, gab Sie, nachdem Sie einen Bissen zum Mund geführt hatte, den Rest anderen oder rieb ihn auf den Boden. Sie sagte: "Ich hatte das Kheyal, daß ich mit allem eins war. In jener Zeit gab ich allem, was sich vor mir befand zu essen. Manchmal rieb ich sogar die Erde mit Reis und Gemüse ein. Als Bholanath mich dabei sah, nahm er das Essen weg und fütterte mich wie ein Kind, das den Gebrauch seiner Finger zum Essen noch nicht gelernt hat." - Sie konnte nicht essen. Danach bat niemand Sie mehr darum, Ihre eigene Hand zum Essen zu benutzen. Sie pflegte zu sagen: "Ich sehe alle Hände als meine eigenen an, in Wirklichkeit esse ich immer mit meiner eigenen Hand."

Anandamayi MaOft schien Ma dem Essen, das Ihr gefüttert wurde, kaum Aufmerksamkeit zu schenken. Übereifrig wollte einmal die Person, die Sie bediente, diese Abwesenheit ausnutzen und fütterte Ihr viel mehr als gewöhnlich. Schließlich hielt Sie inne und Ma sagte: "Nanu, hast du aufgehört?" Wenn man nicht aufpaßte, schluckte Sie auch Kerne und Schalen der Früchte, und wenn man Ihr Vorhaltungen machte, sagte Sie überrascht: "Ihr batet mich zu essen, und das tat ich. Ihr sagtet mir nicht, was ich nehmen oder verweigern sollte." Einmal bat Sie die Person, die Sie gefüttert hatte, etwas vom Khir (süßer Milchreis) zu probieren, der Ihr gerichtet worden war.

Das Mädchen konnte trotz Ma's Gegenwart nicht umhin, die Speise auszuspucken, weil sie so furchtbar heiß war, daß sie sie weder schlucken, noch im Mund behalten konnte. Ma öffnete lächelnd Ihren Mund und zeigte ihr die wunden, roten Stellen am Gaumen. Sie litt monatelang an dieser Wunde. Gerade weil Ma alles gleichmütig annahm und keine Ansprüche stellte, war es manchmal sehr schwierig, Ihr persönlich Dienst zu erweisen.

Auch wenn es von außen so aussieht, als habe Ma durch Schweigen, Yoga, Fasten usw. eine stufenartige spirituelle Entwicklung durchlaufen, betont Sie ausdrücklich, daß Sie das Sadhana nur »gespielt« habe: "Um einen bestimmten Grad der Erleuchtung auf einem der Wege des Sadhana zu erreichen, muß ein Mensch gewöhnlich wieder und wieder geboren werden. Aber für diesen Körper war es nur eine Angelegenheit von Sekunden."

Sie sagte auch einmal zu Personen, die über die Fülle Ihrer Erfahrungen beim Sadhana erstaunt waren, Sie habe noch nicht einmal den tausendsten Teil dessen enthüllt, was wirklich stattgefunden habe.

Im Shah-bag-Garten wuchs der Strom der Besucher an. Immer mehr Menschen begannen, Nirmala als eine spirituell hochentwickelte Persönlichkeit zu betrachten, und Sie wurde nun zumeist ehrerbietig "Mutter" (Ma) genannt. Wenn Bholanath Sie bat, zu den Leuten zu sprechen, tat Sie es, sonst schwieg Sie. Einmal sagte Sie zu ihm: "Du solltest es Dir zweimal überlegen, bevor du die Tore zur Welt öffnest. Denk daran, du wirst die Flut nicht aufhalten können, wenn sie überwältigend wird."

Ein Philosophieprofessor aus Kalkutta gab ein Bild von der Atmosphäre, die Ma in Shah-bag umgab: "Es war ein kalter Dezemberabend 1924, als ich von Rai Bahadur Pran Gopal Mukherji nach Shah-bag zum Darshan (Darshan ist ein Sanskrit-Wort, das bedeutet “in der Gegenwart von”) der Mutter mitgenommen wurde. Wir wurden geradewegs in das Zimmer geführt, in dem Ma allein in tiefer Meditation versunken saß. Eine schwache Lampe brannte vor Ihr, und das war wohl der einzige Gegenstand im Raum. Mutters Angesicht war unserem Blick gänzlich verborgen, da Sie es in jenen Tagen genau wie ein neuverheiratetes Dorfmädchen zu verhüllen pflegte.

Nachdem wir etwa ein halbe Stunde dort gewartet hatten, löste sich der Schleier, und Mutters Gesicht, von leuchtendem Glanz umgeben, wurde sichtbar. Sie begann Hymnen mit zahlreichen Keimmantren in ungewöhnlichem Akzent zu rezitieren, welche einen wunderbaren Widerhall erzeugten, der die ganze Umgebung durchdrang. Die Stille der kalten Dezembernacht, die Einsamkeit des Shah-bag Gartens und vor allem die Erhabenheit und Feierlichkeit der Atmosphäre in Mutters Raum - alles zusammen erzeugte ein Gefühl von Heiligkeit. Solange wir uns im Raum aufhielten, fühlten wir eine unbeschreibliche Erhebung des Geistes, eine Stille und Tiefe, die nie zuvor erfahren wurde, einen Frieden, der alles Verstehen übersteigt."

Eines Tages kam die Besitzerin des Shah-bag Geländes nach Dakka, die in einen Rechtsstreit um das Grundstück verwickelt war. Bholanath wurde darum gebeten, Ma nach den Details des in Kalkutta laufenden Prozesses zu fragen; man bat auch darum, daß die Besitzerin gewinnen möge. Ma versuchte immer, Bholanath zu gehorchen und beschrieb also die Vorfälle in Kalkutta und sagte, daß sie den Prozeß gewinnen würde. Bevor Sie die Fragen beantwortete, hatte Sie eine glühende Kohle auf Ihre Hand gelegt, ohne daß die anderen es bemerkten. Viel später erklärte Sie diese freiwillige Verletzung: "Nun, es ist möglich , eine bestimmte Handlung (Kriya) auszuführen, die eine konkrete Auswirkung in einer anderen Sphäre hat. Oder man sagt auch, daß der Sadhaka, der absichtlich yogische Kräfte gebraucht, dafür Buße tun muß. Dieser Körper hatte manchmal das Verhalten eines Sadhakas. Ich sage damit nicht, daß es sich in dem Fall so verhielt - aber diese oder andere Erklärungen sind auch möglich."

Im Oktober/November 1925 und 1926 wurde Kali Puja (Fest zu Ehren der Göttin Kali) in Shah-bag gefeiert. In Anwesenheit von Ma wurden diese Feste für alle Teilnehmer unvergeßlich. In einer Schilderung der Kali Puja 1925 heißt es: "...Ma saß ganz in sich versunken neben der Statue der Göttin. Dann begann Sie mit der Puja, indem Sie die Mantren sang, Blumen auf Ihren Kopf legte und sich selbst mit Sandelpaste salbte, anstatt beides der Gottheit darzubringen. Alle Ihre Bewegungen schienen von einer unsichtbaren Hand geführt zu sein. Nur gelegentlich streute Sie einige Blumen vor die Kali-Statue. Ein Geißlein sollte geopfert werden. Es wurde in Wasser gebadet. Man brachte es zu Ma und Sie nahm es auf Ihren Schoß, während Sie sanft seinen Körper streichelte und dabei weinte.

Dann sprach Sie einige Mantren, berührte dabei gleichzeitig alle Körperteile des Tieres mit einer segnenden Gebärde und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Danach verehrte Sie das Messer, mit dem das Geißlein geopfert werden sollte. Als man Ihr das Geißlein abnahm, streckte Sie sich lang auf dem Boden aus und setzte das Messer an Ihren eigenen Nacken. Dreimal kam ein Klagelaut von Ihren Lippen, der wie der Angstschrei der Opfertiere klang. Als das Tier später geopfert wurde, rührte es sich nicht und gab auch keinen Laut von sich. Nicht eine Spur von Blut war an seinem Körper zu sehen, und nur sehr mühsam konnte man ihm schließlich einen einzigen Blutstropfen entnehmen."

Kali1926 wurde Ma wieder von den Devotees (Jüngern) gebeten, die Puja auszuführen. Sie sagte nichts dazu. Als Sie später zu einem anderen Haus gebracht wurde, erhob Sie plötzlich Ihre linke Hand und lächelte. Sie wiederholte diese Gebärde noch einmal, als Sie sich zum Essen niederließ. Einige Tage später erklärte Sie, daß Sie auf dem Weg in einer Entfernung von etwa 115 Metern die lebende Göttin Kali (Bild links) etwa acht Meter hoch habe schweben sehen, wie Sie Ihre Hände zu Ma ausstreckte, als ob Sie auf Ihren Schoß kommen wollte. Beim Essen hatte die Gestalt wiederum wie ein kleines Mädchen vor Ihr gestanden.

Deshalb hatte Ma zweimal Ihre linke Hand erhoben. Man erwarb daraufhin eine Kali-Statue für die Puja, welche die von Ma angezeigte Größe besaß. Bholanath hatte im vorhergehenden Jahr gespürt, daß Ma Tieropfer nicht befürwortete, und so waren Vorkehrungen für eine andere Form der Verehrung getroffen worden. Alle warteten darauf, daß Ma die Puja ausführen würde. Stattdessen stand Sie plötzlich auf und sagte zu Bholanath: "Ich werde meinen Platz einnehmen, du kannst die Puja machen." Wie ein Blitz durchquerte Sie die Menge und setzte sich neben die Statue der Göttin. Bholanath konnte kaum einen Einwand hervorbringen, als er an Ma's Stelle plötzlich eine lebende Kali erblickte.

Ma's goldbraune Haut war tiefschwarz geworden. Ihre Augen waren starr und erweitert, und Ihre Zunge hing aus dem Mund wie bei der Statue der Göttin. Bholanath nahm den Sitz des Priesters ein und begann, Ma Blumen darzubringen, während er die Mantren für die zeremonielle Verehrung der Göttin rezitierte. Im nächsten Augenblick beugte sich Ma nach vorne, so daß Ihr ganzer Oberkörper flach auf dem Boden lag. Ohne sich aufzurichten, befahl Sie: "Schließt die Augen!" Als die Leute wieder aufblickten, war Ihr Körper mit Blumen bedeckt. Ihre unaussprechliche Schönheit und Erhabenheit erfüllte alle Herzen mit Ehrfurcht. Den letzten Teil der Puja bildete ein Opferfeuer, welches auf Ma's besondere Anweisung hin nicht ausgelöscht wurde und noch viele Jahre weiter brannte. Sie bemerkte dazu: "Das Feuer eines Mahayajnas wird einst von diesem Feuer entzündet werden."7

Täglich wurde in dem kleinen Haus von Ma und Bholanath Kirtana gesungen. Dabei fiel Ma häufig in tiefe Ekstase. Manchmal bewegte sich Ihr Körper in rhythmischen Wellenbewegungen im Einklang mit Ihrem Atem und rollte auf dem Boden herum wie ein Blatt, das vom Wind hin- und hergeblasen wird. Ein anderes Mal tanzte Sie, nur auf den zwei großen Zehen stehend und kaum noch den Boden berührend wie eine Puppe von unsichtbarer Hand geführt. Dann saß Sie wieder unbeweglich wie eine Statue da, Ihr Gesicht glühte, und ein strahlender Glanz umgab Sie. Die Leute standen ehrfürchtig mit gefalteten Händen da wie in Gegenwart einer Göttin. Viele rezitierten Hymnen an die Göttin Durga.

Manchmal sank Ihr Körper auch zu Boden und blieb dort lange Zeit wie leblos liegen, es kam vor, daß eine Nacht verging, ehe Sie wieder zu sich kam. Manchmal wich die Trance auch bald wieder von Ihr. Später kamen mantragleiche Verse über Ihre Lippen. Nur wenige Gelehrte vermochten das Sanskrit so frei und mühelos zu sprechen wie Ma es damals sang, obwohl Sie ganz ungelehrt war. Trotzdem konnte man die Hymnen kaum mitschreiben, weil Sie rasend schnell gesprochen habe. Wenn man Sie später darum bat, die Richtigkeit der mitgeschriebenen Texte zu überprüfen, sagte Sie nur: "Es ist jetzt keine Spur mehr von ihnen in meinem Geist."

7 Eine Reihe von günstigen Umstanden führte zur Durchführung eines Savitri Mahayajfias in Benares von 1947-1950, welches erst mit Hilfe dieses Feuers, das mittlerweile schon 20 Jahre brannte, entzündet werden konnte, obwohl niemand absichtlich dazu beigetragen hatte.

Eine der mitgeschriebenen heiligen Hymnen lautet:

    "Du bist das Licht des Universums und der Geist, der es beherrscht und lenkt. Erscheine in unserer Mitte! Von Dir geht in jedem Augenblick ein ganzes Gewebe von Welten aus. Du bist der Vertreiber aller Ängste; erscheine Du vor uns! Du bist gegenwärtig in den Herzen all dieser Gläubigen. Verbanne Du, den ich vor mir gegenwärtig finde, die Ängste aller Geschöpfe. Du bist die Verkörperung aller Gottheiten und viel mehr. Du bist aus mir entstanden, und in mir ist die ganze Schöpfung zusammengefaßt.

    Laßt uns den wahren Ursprung des Universums kontemplieren (anbeten, verinnerlichen), durch den die Welt Befreiung sucht. Du bist in Deiner eigenen ewigen, grundlegenden Natur verankert. Du bist aus dem Pranava (OM) entstanden, dem Keimwort und Urgrund aller Existenz und der Wahrheit von allem. Die Veden sind nur Funken Deines ewigen Lichts. Du symbolisierst das himmlische Paar, Kama und Kameshvari, die zusammen in alldurchdringender Höchster Glückseligkeit verschmelzen und mit Nada und Bindu bezeichnet werden, wenn sie getrennt sind, um Dein Spiel (Lila) aufrechtzuerhalten.

    Vertreibe Du die Ängste der Welt! Ich suche Zuflucht in Dir. Du bist mein Schutz und meine letzte Ruhestätte. Nimm Du mein ganzes Dasein in Deines auf. Als Erlöser erscheinst Du in zweierlei Gestalt: als Befreier und als der Gläubige, der Befreiung sucht. Von mir allein wurden alle in die Welt gebracht, und in mir finden alle ihre letzte Zuflucht. Ich bin die erste Ursache, die in den Veden mit Pranava (OM) bezeichnet wird, ich bin Mahamaya und Mahabhava8 zusammen. Hingabe an mich ist die Ursache von Moksha (Erlösung). Alle sind mein. Mir verdankt Rudra9 all Seine Macht. Ich singe den Lobpreis Rudras, der sich in allem Geschehen offenbart und die Ursache allen Geschehens ist."

8 Mahamaya: Höchste göttliche Kraft, durch welche sich das Eine verbirgt und als Vielfalt erscheint; Name der Göttlichen Mutter des Universums; Mahabhava: Die höchste Art der Selbsthingabe an das Göttliche, tiefe ekstatische Liebe zu Gott, wie sie auch durch Shri Radhas Hingabe an Shri Krishna symbolisiert wird.

9 Rudra = Name Gottes in Seiner Erscheinungsform als Shiva

Manchmal wurde Ma's Stimme bei diesen Hymnen ganz scharf und durchdringend, manchmal war sie lind wie ein sanfter Abendwind. Bei einigen Gelegenheiten war Ihr Gesicht von Tränen überströmt und zeigte gleichzeitig ein strahlendes Lächeln. Nach dem Singen blieb Sie zumeist lange Zeit still oder legte sich in einer Haltung tiefster Versenkung nieder.

Manchmal ging ein so strahlendes Licht von Ma aus, daß Sie Ihren Körper mit einem zusätzlichen Tuch bedeckte und sich für lange Zeit ganz in einen einsamen Winkel des Hauses zurückzog. Sie sagte: "So ein strahlendes Licht leuchtete aus diesem Körper, daß der ganze Raum rundherum erhellt wurde. Jenes Licht schien sich allmählich zu verbreiten und das Universum einzuhüllen."

Anandamayi MaAugenzeugen berichten, daß Ma's Bhavas (spirituelle Ekstasen) in jener Zeit unbeschreiblich gewesen seien. Ihre körperliche Gestalt, Hautfarbe und Gesichtsausdruck veränderten sich manchmal so blitzschnell, daß keiner folgen konnte. Ihr Bett benutzte Sie damals kaum. Zumeist saß oder lag Sie auf dem Boden oder an die Hauswand gelehnt und verbrachte zeitweilig die ganze Nacht in dieser Stellung.

Auch außerhalb von Kirtana traten die Bhavas auf. Ma's Körper hatte eine Tendenz, sich mit den Bewegungen Ihrer Umgebung in Einklang zu bringen. Die kleinen Wellen im Kielwasser eines Bootes konnten Sie so unwiderstehlich anziehen, daß Ihr Körper zum Wasser zu fließen schien. Das bloße Treppensteigen gab Ihrem Körper einen Auftrieb, als schwebe er die Stufen empor. Im Sturm wiederum war er wie ein im Wind wehendes Tuch. Nach den Bhavas lag Ma häufig stundenlang hingesunken im Zustand von Samadhi (völliger Versenkung in der Transzendenz).

Doch auch inmitten eines Gesprächs oder während der Arbeit geschah es, daß Ihr Blick starr und Ihr Körper regungslos wie der einer Statue wurde. Alle Körperfunktionen gingen allmählich zurück und das Atmen hörte auf. Manchmal wurden Ihre Gliedmaßen dabei fest wie Holz, dann wieder ganz schlaff. Ihr ganzer Körper fing an zu leuchten, und Ihr Gesicht strahlte unbeschreiblichen Frieden aus. Selbst Ärzten gelang es nicht, Ihren Puls oder irgendein Anzeichen der Atmung festzustellen. Ma kam von selbst wieder aus diesen Zustanden heraus: Sie begann wieder zu atmen und sich etwas zu bewegen, versank auf's neue, kam wieder zurück, öffnete mühsam die Augen und flüsterte mit schwacher Stimme einige Worte.

Ihr Lächeln versicherte Ihre Gefährten wieder, daß Sie bewußt in ihrer Mitte weilte. Einmal blieb Sie fast fünf Tage im Samadhi, ohne auf äußere Stimuli zu reagieren. Auf die Frage, was Sie währenddessen erlebt habe, sagte Sie nur: "Es ist ein Zustand jenseits aller bewußten und überbewußten Ebenen - ein Zustand vollkommener Reglosigkeit aller Gedanken, Gefühle und Aktivitäten im Physischen und Geistigen - ein Zustand, der alle Lebensphasen hier unten transzendiert." Ein anderes Mal fühlte Sie, wie ein feiner, fadengleicher Lebensstrom vom unteren Ende der Wirbelsäule aufwärts zum höchsten Zentrum des Gehirns floß und gleichzeitig Schauer von Freude durch jede Faser Ihres Körpers, sogar durch Ihre Haare, rannen. Jedes Teilchen Ihres Körpers tanzte gleichsam in unendlichen Wellen der Glückseligkeit.

Alles was Sie berührte oder sah, erschien Ihr ein Bestandteil Ihrer selbst zu sein. 1927 fragte ein Professor, wie Sie sich während ihrer Bhava Samadhis (spirituellen Ekstasen) fühle. Zuerst versuchte Ma, die Antwort zu umgehen, dann sagte Sie schließlich: "Wenn ihr in diesem Raum sitzt, könnt ihr alles dort draußen durch die Türen und Fenster sehen, doch wenn sie geschlossen sind, vermögt ihr es nicht. Dieser Körper hat das Gefühl, als seien all seine Fenster und Türen geschlossen. Wenn ihr eine Handvoll Schlamm nehmt und sie im Wasser eines Teiches wascht, merkt ihr, wie fein er sich auf dem Wasser ausbreitet. So fühlt sich dieser Körper."

Wenn man tagsüber eine Zeitlang nicht mit Ihr sprach oder Sie nichts fragte, wurde Ihre Stimme undeutlich, als habe Sie Mühe, Ihre Stimmbänder zu benutzen. Einmal fand man Sie auf dem Boden in Samadhi liegen, während auf Ihrem Gesicht und Ihren Kleidern zahlreiche rote Ameisen krochen: "Als dieser Körper das Spiel des Sadhana spielte, wurde die Hand, die die Speise darbrachte, eins mit der Opfergabe und mit der Opferhandlung, und folglich lag dieser Körper stundenlang bewegungslos da. Viele große, rote Ameisen sammelten sich und blieben in seinem Haar hängen, aber nicht ein einziges Mal hat auch nur eine Ameise ihn gebissen.

Als sich dieser Körper wieder erhob, hatte er das Gefühl, daß Gott in Gestalt der Ameisen gekommen war, um von den Opfergaben zu essen, daß ER es war, der über diesen ganzen Körper kroch, krabbelte, sprang und spielte, daß dieser Körper zum Königreich Gottes geworden war. Das fühlte er (der Körper) und keine Abscheu, daß die kleinen Tiere gekommen waren und das Prasad aufgegessen hatten." Als man Sie fragte, ob Sie während der Bhavas Visionen von Gottheiten habe, sagte Sie: "Es ist nicht notwendig, da ich kein Ziel oder Ideal anstrebe. Ihr alle wollt diese Manifestationen sehen, und daher ergeben sie sich von selbst. Für mich unterscheiden sich diese Zustände von Bhava, wie ihr sie nennt, nicht von dem, was ihr einen normalen Zustand nennt."

Viele Menschen kamen damals auch nach Shah-bag, um sich von Krankheiten und körperlichen Leiden heilen zu lassen. Die Heilungen fanden durch Blick, Berührung, eine Blume, ja, auf zahllose Weise statt. Zum Beispiel brachte man Ihr ein völlig gelahmtes Kind. Ma war gerade dabei, einige Betelnüsse für die Verehrung einer Gottheit aufzubrechen. Sie warf ihm ein Stück davon hin und sagte: Fang!" Das Kind strengte sich sehr an und hob schließlich das Stück auf. Die Mutter berichtete nach einigen Tagen, daß sich das Kind allmählich wieder richtig bewegen konnte.

Für gewöhnlich versuchte Ma jedoch nicht, jemanden zu heilen, sondern sagte: "Bete zu Gott. ER wird das tun, was für den Patienten am besten ist. Man kann nicht wissen, ob ER die Genesung des Körpers wünscht. Was ihr nur tun solltet, Ist: nach besten Kräften für den Patienten sorgen und die beste medizinische Behandlung sicherstellen. Den Rest solltet ihr Gott anvertrauen." Manchmal bestanden die Leute darauf, daß Sie einen Patienten besuchte, in der Hoffnung, er würde dadurch genesen. Dann mochte es geschehen, daß Sie sagte: "Was meint ihr? Er bittet mich zu gehen, weil er denkt, daß der Patient durchkommt. Wird das eintreffen?" Meistens sagten Ihre Geführten dann entschieden: "Ja!" Und Sie fuhr fort: "Wer weiß, wenn ihr alle dieser Meinung seid, schafft er es vielleicht." In solchen Fällen pflegte sich der Patient stets von der Krankheit zu erholen. Manchmal hingegen fingen Ihre Gefährten auf Ihre Frage hin an zu zögern und zu stottern und Ma sagte: "Warum zögert ihr so? Dann wird der Patient vielleicht nicht genesen." Und so verhielt es sich auch.

Es kam vor, daß Ma die Krankheiten anderer auf sich nahm. In solchen Fällen wurde der Patient gesund, doch Ma hatte seine Krankheit einige Stunden oder Tage. Diese Begebenheiten mahnten Bholanath und andere, Sie nicht um Heilungen zu bitten.

Eines Tages ging Sie mit einigen anderen Anhängern zum Siddheshvaei Ashram und setzte sich dort auf die altarartige Erhebung. Ihr Körper schrumpfte so ein, daß jeder den Eindruck hatte, daß nur noch Ihr Sari auf dem Altar blieb. Niemand konnte Sie sehen. Alle fragten sich, was als nächstes passieren würde. Allmählich regte es sich unter dem Tuch, und langsam und sanft nahm ein Körper Gestalt an, und Sie erschien wieder, aufrecht sitzend. Fast eine halbe Stunde schaute Sie unverwandt gen Himmel und sagte dann: "Damit die Aufgabe eures Lebens sich erfüllt, habt ihr diesen Körper herabgeholt."

Auch die benachbarten Moslems in Dakka schätzten Ma. Eines Tages beobachtete man, wie Sie am Grab eines Moslemheiligen nach den Vorschriften des Koran betete. Sie habe genau die moslemischen Gebetsverrichtungen vollzogen, obwohl Sie nichts darüber wußte, wenn man Sie danach fragte. Sie sagte: "Vor vier oder fünf Jahren, als ich in Bajitpur wohnte, sah ich den feinstofflichen Körper des Fakirs, dessen Grab sich dort drüben befindet. Als wir nach Shah-bag zogen, traf ich ihn und einige seiner Schüler. Er war von stattlicher Gestalt und der Abstammung nach ein Araber." Nachforschungen bestätigten Ihre Worte.

Bei einer anderen Gelegenheit während Kirtana (Singen religiöser Lieder) bemerkte Sie, wie ein Moslem Sie von Ferne beobachtete. Daraufhin ging Sie auf ihn zu und sang: "Allah, Alla-ho Akbar." Der junge Mann war zu Tränen gerührt und rezitierte das Gebet zusammen mit Ma. Später sagte er: "Mutter sang den Namen Allahs so deutlich und natürlich, daß es unsere beste Fähigkeit bei weitem übertraf. Nie zuvor habe ich so eine Freude gespürt als an diesem Tag, an dem ich Gottes Namen zusammen mit Ma sprach." Ma sagte: "Hindus, Moslems und alle anderen religiösen Gemeinschaften auf der Welt sind eins. Sie alle verehren ein Höchstes Wesen und flehen um Seine Gnade. Kirtana und Nemaz sind ein und dasselbe." Immer betonte Sie, daß Sie allen Religionen die gleiche Wertschätzung entgegenbringe und sich als Christ, Moslem, was immer ihr wollt, betrachte.

Anandamayi Ma und DidiMit der Zeit kamen zunehmend mehr Menschen aus ganz Bengalen, um Ma's Darshan (Darshan - Sanskrit: schauen, sehen; auch: gesehen werden, von einer Gottheit oder von Heiligen) zu erhalten, und um 1926 hatte sich bereits ein Kern von Anhängern gebildet, die auch in Zukunft eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Ma's Weisheit spielen sollten. Didi (»ältere Schwester« - Bild links) Gurupriya Devi gab sich ganz dem Dienst an Ma hin. Als Ma sie zum ersten Mal traf, soll sie ausgerufen haben: "Wo bist du die ganze Zeit gewesen? Gott hat dich geschickt. Dieser Körper ist jetzt unfähig, alle Arbeiten auszuführen, und so hat Gott dich zur Hilfe gesandt." 

Bis zur Gründung der Shree Shree Anandamayee Sangha10 leitete Didi die Verwaltung der verschiedenen Ashrams, die ab 1929 gegründet wurden. Gleichzeitig schrieb sie ein ausführliches Tagebuch über Ma's tägliches Leben und Ihre Äußerungen, welches bisher in 20 Bänden auf Hindi und in 17 Bänden auf Bengali veröffentlicht wurde. Ma's hingegebenster Anhänger war wohl Jyotish Candra Ray, genannt Bhaiji. Er war es auch, der Ma zum ersten Mal den Namen gab, unter dem Sie heute in ganz Indien bekannt ist. Es war in Siddheshvari, daß er - tief beeindruckt von der Freude, die Ma ausstrahlte - Bholanath zurief : "Von heute an werden wir Mutter mit dem Namen Anandamayi (»durchdrungen von Glückseligkeit«) nennen." Bholanath erwiderte sofort: Ja, so soll es sein." Ma blickte Bhaiji fest an, ohne ein Wort zu sagen.

Als er Sie auf dem Heimweg fragte, warum Sie ihn so unerwartet aus seinem Büro habe rufen lassen (sein Vorgesetzter wurde an dem Tag vom Urlaub zurückerwartet, viel Arbeit lag auf dem Schreibtisch, und Bhaiji war ohne irgendjemandem Bescheid zu sagen, fortgegangen), sagte Ma: "Um zu prüfen, was für Fortschritte du in diesen paar Monaten gemacht hast." Sie fügte unter herzlichem Lachen hinzu: "Wenn du nicht gekommen warst, wer sonst hatte diesem Körper einen Namen gegeben?"

10 Verwaltungsorganisation für Ma's Ashrams, Publikationen über Ma, religiöse Feste usw.

Bhaiji war auch in der Hauptsache verantwortlich für die Errichtung des Ramna Ashrams in Dakka 1929, dem ersten von einundzwanzig Ashrams, die im Lauf der Zeit in Nord- und Mittelindien gegründet wurden. Als er Ma seinen Wunsch zuerst vorbrachte, sagte Sie: "Die ganze Welt ist voll von Ashrams, was willst du mit einem neuen?" Bhaiji erwiderte: "Wir brauchen kein großes Projekt, wir wollen bloß ein kleines Gelände, wo wir uns um Deine gesegneten Füße versammeln und Kirtana singen können." Ma sagte daraufhin: "Wenn du ein Gebäude dieser Art errichten willst, so wird das Grundstück jenes alten Hauses, das du dort drüben siehst (ein verfallener Shivatempel), das beste sein.

Es ist dein altes Heim." Bei einer anderen Gelegenheit bemerkte Sie: "Der ganze Ort strahlt eine ihm eigene heilige Atmosphäre aus, er ist ein Ort, an dem sich in der Vergangenheit Sannyasis (Mönche) aufgehalten haben. Du warst einer von ihnen. Ich habe einige der Heiligen gesehen, wie sie auf dem Ramnagelände umherwandelten. Diese Sadhus wünschen, daß ein Tempel über ihren Gräbern errichtet wird, so daß die Menschen kommen und hier zu Gott beten und die Reinheit des Ortes zum Wohl der Bevölkerung aufrecht erhalten mögen. Das ist der Grund, weshalb du dazu geneigt warst, hier einen Ashram zu errichten. Jene, die an dem Unternehmen teilgenommen haben, müssen irgendeine Verbindung mit den verstorbenen Heiligen gehabt haben."

Niranjan, ein Freund Bhaijis, hatte zu Ma einmal gesagt: "Ma, wir denken häufig, daß - wenn Dein Ashram errichtet ist - sowohl ich als auch Jyotish (Bhaiji) dort in unserem nächsten Leben als Brahmacaris leben werden (d.h. als im Zölibat lebende Schüler des spirituellen Meisters). Beide waren Hausväter. Ma schaute Bhaiji an und fragte: "Warum schweigst du? Wirst du es nicht schon in diesem Körper sein können?" Einige Zeit später erkrankte er an schwerer Tuberkulose, die sich fast eineinhalb Jahre hinzog. Er hatte das Gefühl, daß er nur durch Ma's Gnade wiedergenas und Sie die ihm bestimmte Lebensfrist verlängert hatte.

Drei oder vier Jahre später erinnerte Ma Bhaiji an diese Unterhaltung und sagte: "Bedenk einmal, auf welche Weise du deine Wiedergeburt hattest." Dann nahm Sie eine goldene Kette von Ihrem Hals und legte sie um den seinen, indem Sie sprach: "Von diesem Tag an wisse sicher, daß du ein Brahmacari bist und deine Wiedergeburt erlangt hast." Sie hatte auch einmal zu Bhaiji gesagt: "Denk daran, daß du wirklich ein Brahmane bist und daß ein sehr subtiles, enges spirituelles Band zwischen diesem Körper und dir besteht." Ma bemerkte über Bhaiji später, er habe einen Zustand der Selbstverwirklichung erreicht, der durch keine Sprache ausgedrückt werden könne.

Bei einem Gespräch über frühere Leben äußerte Ma sich einst folgendermaßen: "Wiedergeburt ist eine Tatsache. Es besteht kein Zweifel daran. Wenn die Augen am grauen Star leiden und dieser durch eine Operation beseitigt wird, so ist die Sehkraft wiederhergestellt. Ähnlich geschieht es durch tiefe Sammlung auf das Göttliche, wenn der Schleier, der unsere Sicht verdunkelt, entfernt wird und der Geist gereinigt und auf das Selbst konzentriert ist. Dann offenbaren sich uns die Bedeutung der Mantren und jene Gottheiten, deren klangliche Repräsentation sie sind, und die Eindrücke früherer Leben tauchen vor unserem Bewußtsein auf.

Ebenso wie ihr in Dakka (Hauptstadt von Bangladesh) ein geistiges Bild von dem haben könnt, was ihr in Kalkutta gesehen habt, so könnt ihr auch ein plastischeres Bild eurer früheren Leben auf eure jetzige geistige Leinwand projizieren. Wenn ich euch sehe, kann ich eine Reihe von Bildern eurer vergangenen Leben schauen." Als in Kalkutta einmal ein Ehepaar mit ihrem siebenjährigen Sohn zu Ma kam, bemerkte Sie: "Dieser Junge war diesem Körper als Bruder in seinem vergangenen Leben verbunden." Einer von Ma's Brüdern starb sehr jung. Er hatte eine schwere Verletzung am Arm, der krumm war. Auch der oben erwähnte Junge hatte einen verwachsenen Arm.

Anandamayi Ma und ihre Mutter1929 endete auch Ma's Haushalts-Lila (Lila = Spiel). Sie hatte zu Didi einmal in anderem Zusammenhang gesagt, daß ein Mensch nichts vorsätzlich aufgeben brauche. Wenn die Zeit reif sei, würden alle ablenkenden Faktoren von selbst wegfallen. Als Ma nun versuchte, im Haushalt zu arbeiten, konnte Sie die Gegenstände nicht mehr fassen oder halten; Ihre Hände waren unkoordiniert wie bei kleinen Kindern.

Sie mußte alle Arbeit im Haushalt aufgeben. Als Bholanath auch auf Drängen seiner Verwandten hin Ihr deshalb Vorhaltungen machte, versuchte Sie es noch einmal: "Einige Tage versuchte ich mit Mutters Hilfe zu kochen (Bild links: Anandamayi Ma zusammen mit ihrer Mutter). Ich hatte keine Einwande, es war mir egal. Ich versuchte es, aber anscheinend sollte es nicht sein. Bholanath wurde nach einigen Tagen krank, und dann wurde auch ich krank. So führte es schließlich zu gar nichts." In dieser Zeit, als Bholanath sehr unter dem Einfluß seiner weltlich gesinnten Verwandten stand und erstmalig nach drei Jahren die Wlederherstellung der normalen Haushaltsaktivitäten wünschte, bekam Ma hohes Fieber, und Ihr Körper wurde schließlich wie gelahmt.

Sie sprach und lachte zwar wie sonst, doch mußte Sie getragen werden. "Warum hebt ihr den Körper so vorsichtig? Er ist wie ein Mehlsack geworden, den ihr schieben könnt", meinte Sie. Ihre Anhänger baten verzweifelt um Ihre Genesung. Nach einiger Zeit konnte Sie sich langsam wieder bewegen, doch dafür traten andere Krankheitssymptome wie Wassersucht usw. auf. Trotzdem blieb Sie fröhlich. Bholanath sagte in einem Anflug von Ungeduld zu Ihr: "Krankheit ist kein Grund dafür, so fröhlich zu sein. Werde jetzt gesund." Daraufhin nahm Ihr Ausdruck den eines ernsthaft kranken Patienten an. Nach längerer Zeit klang die Krankheit dann allmählich ab.

Ma wiederholt oft, daß »Krankheiten« Wesen mit ganz bestimmten Formen sind wie jeder von uns auch. Sie sagt: "Ich schicke euch nicht fort, wenn ihr zu mir kommt, sondern heiße jeden und alles als Formen von IHM willkommen. Warum sollte ich eine Ausnahme mit jenen Erscheinungsformen von IHM machen, welche Krankheiten sind? Es ist alles SEIN Spiel. ER ist in allen Formen, mögen sie angenehm oder schmerzlich sein. Alles ist ER allein. Dieser Körper heißt IHN willkommen, in welcher Form ER es auch wählen mag, zu kommen. Ich kann euch versichern, daß ich keine Beschwerden fühle; alle Zustände bedeuten mir dasselbe. Ich fühle mich immer wohl."

Mit der Gründung des Ramna-Ashrams in Dakka endete die »Shah-bag« Phase von Ma's Lila. Von da an gab Sie jedes seßhafte Leben auf und reiste bis 1982 fast ununterbrochen durch Nord- und Mittelindien. Sie sagte einmal in dem Zusammenhang: "Ich sehe einen einzigen großen Garten, der über das ganze Universum ausgebreitet ist. Alle Pflanzen und Tiere, alle Menschen, alle höherentwickelten Geistkörper spielen in diesem Garten auf verschiedene Weise, jeder besitzt eine ihm eigene Einmaligkeit und Schönheit. Ihr Dasein und ihre Vielfalt ist mir eine große Freude. Jeder von euch trägt mit seiner Besonderheit zur Herrlichkeit des Gartens bei. In ein und demselben Garten ziehe ich von einem Ort zum anderen. Was läßt euch meine Abwesenheit so heftig empfinden, wenn ich gerade einmal einen Teil des Gartens verlasse, um in einem anderen eure Brüder von dort zu erfreuen?"

Am 2.Juni 1932 verließ Ma Dakka ganz plötzlich zur Bestürzung Ihrer Anhänger, nur begleitet von Bholanath und Bhaiji. Sie äußerte sich nicht über das Ziel Ihrer Reise. Schließlich blieb Sie mit Ihren Gefährten in Raipur bei Dehradun am Fuß des Himalayas, wo sie ein Leben äußerster Armut führten. Bholanath war in dieser Zeit zumeist in Sadhana vertieft, so daß Ma ganz sich selbst überlassen war. Auch die Bevölkerung von Dehradun wurde nach und nach aufmerksam auf Ma und kam zum Darshan (dem segensspendenden Anblick) von »Mataji« (Hindi = verehrte Mutter).

Im Juli 1933 trat Ma wieder mehr in das Licht der Öffentlichkeit, indem Sie nach Dehradun zog. Dort wurde Sie auch von Kamala Nehru, der Gattin des bekannten Politikers, aufgesucht, die bis zu ihrem Tod sehr mit Ma verbunden blieb und ebenfalls ihren Gatten zu Ihr brachte. Später erwahnte Ma einmal, Kamala habe sehr tiefe Meditationen gehabt und ihr seien wiederholt Visionen Shri Krishnas zuteil geworden. Kamala Nehrus Inspiration veranlaßte Ma auch dazu, all Ihre Anhänger zu bitten, mindestens fünfzehn Minuten täglich zu meditieren. Bholanath verbrachte lange Zeit mit Sadhana in Uttarkashi, und Bhaiji sorgte währenddessen für Ma. 1936 wurde auch in Dehradun ein Ashram errichtet, wo Ma's vierzigster Geburtstag gefeiert werden konnte.

Bhaijis Tod1937 unternahm Ma mit Bholanath und Bhaiji eine Pilgerfahrt zum heiligen Berg Kailash im südwestlichen Tibet. Auf dem Heimweg starb Bhaiji (Bild links: Bhaijis Tod) am Südhang des Gebirges in Almora. Bholanath starb wenige Monate später 1938 an den Pocken. Beide Männer hatten kurz vor ihrem Tod die Weihung zum Sannyasi bekommen. Solange Bholanath lebte, war Ma stets um sein Wohlergehen bemüht; trotzdem änderte sich durch seinen Tod für Sie nichts Wesentliches.

Sie sagte: "Was für einen Anlaß gibt es für Kummer? Niemand ist mir verloren. Fühlt ihr euch traurig, wenn ihr von einem Raum in einen anderen gehen müßt?" Auch als Bholanath Sie früher einmal in Anwesenheit vieler Devotees gefragt hatte, ob Sie ihn als Ihren Ehemann nicht etwas mehr liebe als die anderen Menschen, hatte Sie mit einem Ausdruck größter Liebe und doch ganz bestimmt »Nein« erwidert. Sie sagte jedoch auch einmal von Bholanath: "Bholanaths Selbstbeherrschung und sein Sinn für Würde waren außergewöhnlich.

Ich habe nie erlebt, daß er eine leichtfertige Bemerkung oder einen ungehörigen Witz machte. All die Jahre, die ich mit ihm verbrachte, hatte ich nicht die geringste Ahnung von den Verlangen, die die Menschen sonst quälen. Jetzt erkenne ich, wie wirksam ich von der Erfahrung jener Charakterschwächen abgeschirmt war, die so viel Unglück in der Welt verursachen. Erst jetzt höre ich soviel über diesen Aspekt der menschlichen Natur ... Ihr alle wißt, daß Bholanath die Veranlagung hatte, manchmal sehr ärgerlich zu werden. Es wird gesagt, daß sogar Rishis (heilige Seher) zu Zornausbrüchen neigten. Nicht, daß ich behaupte, daß Bholanath ein Rishi war. Wenn ich das täte, würde man denken, ich rühmte meinen Ehemann. Aber ihr habt alle gesehen, daß er ein außergewöhnliches Leben der Selbstverleugnung und strenger Askese geführt hat."

Seit Bholanaths Tod befand sich Ma sozusagen auf ununterbrochener Pilgerfahrt durch Indien, zumeist per Zug oder Auto. 1930, 1952, 1961, 1971 und 1979 besuchte Sie auch Südindien, wo Sie bei Ihrem zweiten Besuch ein kurzes Treffen mit der »Mutter« des Aurobindo Ashrams in Pondicherry hatte. Viele Feste in Ihren Ashrams und außerhalb wurden durch Ihre Anwesenheit gesegnet und unter genauer Befolgung shastrischer Vorschriften vollzogen. Neben der regelmäßigen Veranstaltung von Pujas wurden auch vedische Yajnas durchgeführt wie z.B. ein großes Feueropfer in Benares 1947-1950 zum Wohlergehen der ganzen Welt, an dem Mahatmas aus ganz Indien teilnahmen.

Verglichen zu früher waren Ma's Bhavas (spirituelle Ekstasen) und Ihr Wirken von Wundern später zurückgegangen. Als einige Anhänger sich einmal darüber unterhielten, daß früher viele Kranke geheilt worden waren, wenn Ma ihnen etwas gab, was Sie in der Hand gehalten hatte, sagte Ma lächelnd: "Oh ja, wie diese Dinge damals passierten! Später hatte ich das Kheyala, mit alldem aufzuhören." 1965 unterhielt Sie sich einmal mit Didi (die ihr weiterhin hilfreich zur Seite stand) und einigen anderen über die Zeit in Dakka, in der Sie mehrere Jahre geschwiegen hatte und in der Ihr Gesichtsausdruck häufig wie versteinert gewesen war. Selbst Ihre Augen hatten keinerlei Anzeichen des Erkennens gezeigt, wenn jemand zu Ihr kam, und niemand wußte, wie lange diese Zustande dauern würden. Didi hatte manchmal bitterlich geweint und gesagt: "Mataji kennt mich nicht mehr." Damals hatte Ma zu Ihr gesagt: "Warte ab, eine Zeit wird kommen, wo ich so normal erscheinen werde, daß du staunen wirst." - Ma lachte und bemerkte: "Diese Zeit ist jetzt gekommen."

Die letzten Jahrzehnte war es Ma's Kheyal, kein Heim von Haushältern mehr zu betreten. Wenn Sie von Familien eingeladen wurde, errichtete man Ihr zumeist eine besondere Unterkunft im Garten oder Hof des Hauses.

Anandamayi MaZu den Besuchern und Anhängern Ma's gehörten u.a. so bekannte Persönlichkeiten wie Indira Gandhi, der frühere Präsident Indiens, Dr. Rajendra Prasad, der Sänger Dilip Kumar Roy, der Tänzer Uday Shankar, Raihana Tyabji und der verstorbene Sanskritgelehrte Dr. Gopinath Kaviraj. Maharishi Mahesh Yogi pflegte Ma des öfteren zu besuchen, wenn er sich in Indien aufhielt; anläßlich der Kumbha Mela (religiöses Fest) 1977 bat er Sie brieflich aus der Schweiz, Sie möge seine Schüler und Devotees in seiner Abwesenheit segnen. Als im Mai 1978 in Ma's Gegenwart ein neuer Shankaratempel auf dem Gelände ihres Ashrams in Kankhal/Hardwar errichtet worden war, kam der Shankaracharya Swami Shantananda von Jyotir Math zur Einweihungszeremonie.

Auch der verstorbene nordindische Heilige Neem Karoll Baba hatte Ma manchmal besucht. Aus dem Westen wurden ebenso immer mehr Menschen von Ma angezogen. U.a. besuchten Sie der kanadische Premierminister Trudeau, die griechische Königinmutter, Pater Enomiya Lasalle, Graf Dürckheim, Frederick Leboyer und Carl Friedrich von Weizsäcker. Verantwortlich für die Übersetzung von Ma's Aussagen ins Englische ist die österreichische Brahmacarini Atmananda. Die deutsche Schriftstellerin Melita Maschmann veröffentlichte 1967 ein Buch über Ma unter dem Titel »Der Tiger singt Kirtana«.

In Ihren Antworten benutzt Ma häufig Parabeln und Wortspiele, um dem Fragenden einen Sachverhalt zu erhellen: Vedanta bedeutet Bheda Anta (Ende von Verschiedenheit), wo Rama (Gott) ist, da ist Arama (Ruhe), wo Rama nicht ist, da ist Byarama (Unbehagen, Krankheit); Wunsch existiert, wo Gott nicht weilt (vasa na); Sadhana muß geübt werden, um Svadhana (den eigenen Schatz) zu entdecken.

Nicht immer gibt Ma eine einzige Lösung als Antwort auf die Probleme Ihrer Besucher. Manchmal zeigt Sie auch nur verschiedene Perspektiven auf, aus denen man das Problem betrachten kann. Beispielsweise fragte jemand Sie, ob es richtig für ihn sei, einen Prozeß zu führen, da er bei einem Geschäft betrogen wurde.

Ma gab zur Antwort, daß man einerseits vor Gericht gehen könnte, um dem Missetäter eine Lektion zu erteilen und ihn von weiteren Übeltaten abzuhalten. Andererseits, wer ist es, der wirklich betrügt? "Sind nicht alle Formen, alle Wesen SEINE Manifestationen? Was mir genommen wurde, stand mir offensichtlich nicht zu, Gott ist es, der es mir weggenommen hat." Eine andere Betrachtungsweise des Problems bestände darin, daß man durch Großzügigkeit und Vergebung eine Wandlung des Verbrechers bewirken könnte. Oder man könnte es unterlassen, vor Gericht zu gehen, indem man es als ausreichende Strafe auffaßt, daß der Bösewicht für sich selbst schlechtes Karma geschaffen hat. Zuletzt könnte man bedenken, daß man nicht vor Gericht gehen würde, wenn der Übeltäter der eigene Bruder wäre. "Welcher dieser Standpunkte dir am meisten zusagt, danach solltest du handeln."

Als sich jemand über die mangelnde Eindeutigkeit Ihrer Antworten beklagte, entgegnete Sie: "Zumindest hast Du begriffen, daß es einen Zustand gibt, in welchem Probleme nicht mehr länger auf eine bestimmte Weise gelöst werden. Im Lauf deines Lebens bist du nach sorgfältiger Überlegung bei vielen Fragen zu einer Entscheidung gelangt, nicht wahr? Aber nun mußt du erkennen, daß keine Lösung jemals endgültig ist; mit anderen Worten, du mußt dich jenseits der Ebene begeben, wo Sicherheit und Unsicherheit existieren.

Wenn man mit Hilfe der Vernunft zur Lösung eines Problems gelangt, so ergibt sich diese Lösung unausweichlich von einem bestimmten Standpunkt aus: folglich existiert auch die Möglichkeit zu entgegengesetzten Standpunkten, da deine Lösung nur einen Aspekt darstellt. Was hast du also wirklich gelöst? Du wirst für jedes Problem eine vollständige und endgültige Lösung innerhalb des jeweiligen Rahmens finden, in dem es sich gerade stellt, und du wirst auch entdecken, daß es eine Ebene gibt, auf der alle (tatsächlichen und möglichen) Probleme nur eine universelle Lösung haben, in der keinerlei Widerspruch mehr existieren kann. Dann wird die Frage von Lösung oder Nicht-Lösung überhaupt nicht mehr aufkommen: Ob man »ja« oder »nein« sagt - alles ist DAS."

Als der verstorbene Präsident Indiens, Dr. Rajendra Prasad, Ma 1961 besuchte und Sie nach einer gesunden Basis für die moderne Gesellschaft befragte, antwortete Sie, daß vor allem das erste der vier Ashramas (Lebensstadien)11eingehalten werden müsse. Wenn Kindern in frühen Jahren Selbstbeherrschung, Einfachheit und Genügsamkeit beigebracht würde und wenn ihnen klargemacht würde, daß der einzige Zweck menschlicher Existenz Gottverwirklichung sei, hätten sie eine sehr gute Grundlage für ihr zukünftiges Leben. Dann würde Brahmacarya ganz natürlich zu Brahmavidya (Wissen um Gott) führen.

In diesem Fall käme es nicht so darauf an, ob der junge Mann bzw. das junge Mädchen dann direkt den Abkürzungsweg von Brahmacarya zu Sannyasa (Entsagung) wähle oder ob sie zuvor die Stadien von Grihastha (Familie gründen) und Vanaprastha (spirituelle Übungen, sobald die Kinder erwachsen sind) durchliefen. Jenen, die den Pfad des Familienlebens wählten, wurde in Anlehnung an die indische Tradition dringend geraten, ihre Eltern den Heiratspartner aussuchen zu lassen, da junge Leute leicht durch bloße physische Anziehung in ihrer Wahl beeinflußt würden.

Auf keinen Fall sollten sich Braut und Bräutigam vor der Hochzeit sehen. Das Anschauen eines Mädchens, bevor man mit ihr verheiratet ist, verglich Ma einmal mit dem Opfern einer Frucht zur Puja, die von einem Vogel vorher angepickt wurde. Nach der Geburt von ein oder zwei Kindern befürwortete Sie eine geschwisterliche Beziehung zwischen Mann und Frau. Außerdem sollten sich die Eheleute mit 55 Jahren, spätestens mit 60 Jahren vom weltlichen Leben zurückziehen.

11 Ashramas sind die vier aufeinanderfolgenden Lebensstadien, wie sie traditionell von den vedischen Schriften gelehrt werden: Brahmacarya, in dem der Schüler im Zölibat lebt und bei einem Meister die Lehren der Heiligen Schriften studiert (allgemein: Leben der Enthaltsamkeit im Streben nach dem Höchsten) / Grihastha: Familienleben / Vanaprastha: das Stadium, in dem sich die Eheleute zurückziehen und Kontemplation und spirituelle Disziplinen üben / Sannyasa: Leben als Mönch, der Familie, Besitz, Stellung und allem, woran er hing, entsagt, um sich völlig dem Göttlichen hinzugeben.

Anandamayi MaMa betonte, daß auch Frauen eine tiefgehende spirituelle Ausbildung erhalten müssen, die derjenigen der Männer in nichts nachstehen sollte. Sie selbst unternahm einige konkrete Schritte in dieser Hinsicht, indem Sie z.B. nicht nur sich selbst, sondern auch etwa sieben Brahmacarinis (Guruprlya Devi, Bholanaths Großnichte Maroni u.a.) die heilige Schnur verlieh. Dieses war viele hundert Jahre lang nur Männern vorbehalten gewesen. Jene Frauen rezitieren folglich täglich das Gayatri Mantra (ein heiliger Vers, der sonst nur von Männern rezitiert wird). - Als Ma's Mutter nach dem Tod ihres Ehemanns das Entsagungsgelübde ablegen wollte, wandte man sich an einen hervorragenden Meister, der es zunächst ablehnte, sie zu initiieren. Jedoch gab er schließlich - scheinbar auf Ma's Fürsprache hin - nach, und Didima wurde Swami Muktananda Giri. Auch dies war sehr ungewöhnlich, da der religiöse Titel Swami nur sehr selten an Frauen vergeben wird.

Oft sagte Ma, daß Schmerz und Leid förderlich für das spirituelle Wachstum sind, und so zeigte Sie auch manchmal, obwohl Sie für gewöhnlich sehr liebevoll war, nach außen hin ein »strenges« Verhalten. Es wird berichtet, daß Sie einst einen Anhänger, dessen Frau gerade gestorben war, mit Lachen begrüßte. Als dieser Sie völlig betroffen nach dem Grund Ihrer Heiterkeit fragte, sagte Sie: "Vater, jetzt ist eine Barriere weniger zwischen dir und Gott." Menschen, die sich beklagten, daß man als Preis für spirituellen Erfolg weltliche Vergnügungen aufgeben muß, entgegnete Sie, daß jene, die Spiritualität verneinen, eher diejenigen sind, die am meisten entsagen.

Um auch Haushältern und Berufstätigen einmal die Gelegenheit zu geben, sich von den weltlichen Aktivitäten zurückzuziehen, wird seit 1952 einmal jährlich ein Samyam Saptaha Mahavrata (siebentägiges Gelübde der Selbstbeherrschung) abgehalten, bei dem die Teilnehmer fasten, meditieren und Kirtana singen und Pandits und Mahatmas Vorträge über religiöse Themen halten. Meistens nehmen daran einige hundert Menschen teil.

Da Ma Gottverwirklichung als den einzig wirklichen Sinn des Lebens ansieht, mißt Sie materiellem Fortschritt im westlichen Sinne weniger Bedeutung bei. Von Ihrem Standpunkt aus entbehren die materiellen Errungenschaften der modernen Zivilisation ebenso der Wirklichkeit wie alle anderen Aspekte dieser vergänglichen Welt: "Viele fühlen einen Drang, eine neue und bessere Welt zu schaffen, stattdessen sollte man seine Aufmerksamkeit auf etwas lenken, das einem hilft, vollkommenen Frieden zu finden." Wenn der technische Fortschritt jedoch eine Hilfe beim Sadhana darstellt, findet er Ma's Billigung.

Als man Ma einmal nach den Gründen der Unsicherheit, der Not und der Spannungen der gegenwärtigen Zeit befragte, sagte Sie, Sie betrachte diese Erscheinungen als unvermeidliche Geburtswehen einer kommenden sozialen Ordnung, die ER plant. Über diese vage Andeutung ging Sie jedoch nicht hinaus, wie Sie sich auch überhaupt kaum zu politischen Fragen äußerte.

Während Ma selbst über jegliches Kastendenken erhaben war, werden jedoch in Ihren Ashrams die diesbezüglichen Vorschriften streng beachtet (westliche Mönche, Nonnen oder Besucher schlafen und essen z.B. getrennt von Indern, z.T. in Gebäuden außerhalb der Ashrams). Als man Ihr aufgrund dessen einen Widerspruch zu Ihrer Lehre vorhielt, sagte Sie, daß die meisten Ihrer Anhänger auf einer Bewußtseinsebene leben würden, auf der ein Befolgen der Tradition für sie wichtig sei. Würde Sie die Gefühle dieser Menschen ignorieren, so würden viele sich abwenden und Sie hatte weniger Gelegenheit, sie spirituell zu führen. An einem bestimmten Zeitpunkt würden sie ihr Kastenbewußtsein ganz natürlich als Folge ihrer Bewußtseinsentwicklung transzendieren, doch könne man dies nicht mit Gewalt erreichen.

1950 wurde eine für die Verwaltung der Ashrams und spirituellen Aktivitäten notwendiggewordene Organisation gegründet, die Shree Shree Anandamayee Sangha in Benares, die sich folgende Ziele gesetzt hat:

    1.Methoden zu fördern, deren Ziel Selbstverwirklichung ist
    2. Zentren aufzubauen, wo Sadhana geübt wird
    3.religiöse Veranstaltungen zu organisieren
    4. Notleidenden freie medizinische Hilfe zu geben und Sadhus und Brahmacaris finanzielle und ärztliche Hilfeleistung zu gewähren.
Anandamayi Ma's TodMa war jedoch in keiner Weise an der Verwaltung oder Leitung dieser Organisation beteiligt. Ein großes Krankenhaus in Benares und zwei Schulen (für Mädchen in Benares und Jungen in Almora bzw. Vrindavan) wurden von der Sangha gegründet, um Heranwachsenden eine harmonische spirituelle, geistige und physische Erziehung zu vermitteln. Seit 1952 wird die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift "Ananda Varta" in Hindi, Bengali und Englisch veröffentlicht, die Ma's Worte, Beiträge über Ma und andere spirituelle Themen enthält.

Am 27.August 1982 verließ Ma im Alter von 86 Jahren Ihren Körper (siehe Bild links). Ihre gnadenvolle Gegenwart wird weiterhin in den Herzen all derer gespürt, die aufrichtig dem Pfad zur Gottverwirklichung folgen.

 

 

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Der Samadhi Shrein von Anandamayi Ma in Kankhal